Weiteres E-Modell soll VW-Stammwerk besser auslasten

Eigentlich sollte für das große Renommierprojekt Trinity sogar eine eigene Fabrik hochgezogen werden. Doch VW muss sein Zukunftsmodell verschieben. Die Belegschaft fragt sich: Was passiert in der Übergangszeit - und wie kann der Hauptsitz wieder mehr produzieren?
Das Markenhochhaus von Volkswagen auf dem Gelände des Autokonzerns in Wolfsburg. © Julian Stratenschulte/dpa/Symbolbild

Am zuletzt chronisch unterausgelasteten Stammsitz von Volkswagen soll ein weiteres Elektromodell die Beschäftigung absichern. Damit will der Konzern auch die teuren Verzögerungen in der Entwicklung eigener Software sowie beim künftigen Kernprodukt Trinity überbrücken. Angedacht sei ein vollelektrisches SUV für Wolfsburg, das die bestehende ID-Reihe «hervorragend ergänzen» könne, sagte VW-Markenchef Thomas Schäfer bei einer Betriebsversammlung am Mittwoch. Das Hauptwerk wird schon für einen Überlauf der Produktion des ID.3 aus Zwickau vorbereitet. Bis Anfang 2025 will Deutschlands größtes Unternehmen dafür nun etwa 460 Millionen Euro investieren.

Der jetzt ins Spiel gebrachte, zusätzliche Wagen soll auf einer Weiterentwicklung des E-Baukastensystems MEB basieren («MEB plus»). «Unser Ziel ist es, die Plattform auf das nächste Level zu heben», erklärte Schäfer, der von der Tochter Skoda kam und Ralf Brandstätter als Kernmarkenchef im Sommer abgelöst hatte. Die ganz neu konzipierte und digitalisierte Plattform SSP für den Trinity bleibe gleichzeitig ein zentrales Vorhaben. «Der Start erfolgt entsprechend der zeitlich entzerrten Software-Entwicklung», hieß es. «Eine Entscheidung, wo das Fahrzeug in Wolfsburg gefertigt wird, ist noch nicht getroffen.»

Die geplante Extra-Fabrik für den Trinity könnte nach Informationen aus Konzernkreisen auf der Kippe stehen. Alternativ ließe sich die Verzögerung nutzen, um Teile des Stammwerks umzurüsten. VW betonte aber, man halte sich auch die Neubau-Option bis auf Weiteres offen.

«Zusammen mit dem Betriebsrat arbeiten wir gerade intensiv daran», sagte Schäfer zu dem Elektro-SUV für die Zentrale. VW hatte vor allem wegen extremer Lieferengpässe bei Mikrochips und weiterer Elektronik deutlich weniger Fahrzeuge an vielen Standorten fertigen können - insbesondere Wolfsburg lag weit unter den einmal vereinbarten Zielen.

Schäfer ist außerdem für die Koordination des Massengeschäfts im Konzern mit den Marken Skoda, Seat/Cupra und VW-Nutzfahrzeuge zuständig. Er will die Komplexität der Modellvarianten und Arbeitsabläufe verringern, auch um bessere Renditen zu erreichen.

Die kommenden Monate dürften nach seiner Erwartung schwierig werden. «Der Start ins Jahr 2023 wird uns alles abverlangen», sagte Schäfer vor der Belegschaft. «Wir haben nach wie vor zu wenig Halbleiter und Teile, der Wettbewerb bleibt knallhart, Energie- und Rohstoffkosten belasten uns zusätzlich.» Überdies bestehe die Gefahr, dass die Rekordinflation die Autonachfrage spürbar drückt. Schon das laufende vierte Quartal sei «wirklich schwierig», so der Manager. «Wir kämpfen darum, ein ordentliches Jahresergebnis für die Marke einzufahren.»

Obendrein bekommt VW Druck von Tesla, den chinesischen Autobauern und dem selbstverschuldeten Verzug beim Thema Software. Letzteres hatte jüngst mit zur Ablösung von Herbert Diess durch den neuen Konzernchef Oliver Blume geführt. Ursprünglich sollte der Trinity im Jahr 2026 starten. Die Großserien-Plattform für 40 Millionen Fahrzeuge wird dem Vernehmen nach nun mindestens bis zum Ende des Jahrzehnts verschoben.

Im Frühjahr hatte der VW-Aufsichtsrat noch den Beschluss für einen separaten Standort getroffen. Begründung für die zwei Milliarden Euro schwere Investition war, dass die Hauptwerk-Umrüstung für Trinity bei fortlaufender Fertigung anderer Modelle zu kompliziert gewesen wäre. Nun werden Modell- und Software-Strategie doch noch mal umgekrempelt.

Die Töchter Audi und Porsche mahnten mehrfach, sie könnten nicht bis zum Abschluss einer gänzlich neuen Programmversion 2.0 warten. Ihre Software wird daher als Version 1.2 parallel zum markenübergreifenden Konzept weiterverfolgt. Schäfer warnte am Mittwoch: «Die Kunden werden nicht warten, bis wir uns intern lange sortiert haben.»

© dpa
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