Wohlfahrtsverband sieht «erschütternde Befunde»

29.06.2022 Wer mit wenig Geld auskommen muss, dem setzen Corona-Pandemie und hohe Inflation besonders zu. Ein Ende ist nicht in Sicht. In puncto Armut ist Bremen das bundesweite Schlusslicht. Doch auch in Niedersachsen gibt es besonders betroffene Regionen.

Eine Frau hält Geldscheine und Münzen in der Hand. © Daniel Karmann/dpa/Symbolbild

Trotz einer leichten Verbesserung bleibt das kleinste Bundesland Bremen bei der Armutsquote klares Schlusslicht im Länderranking. Nach dem vom Paritätischen Wohlfahrtsverband vorgelegten Armutsbericht lag der Zwei-Städte-Staat im vergangenen Jahr mit 28 Prozent deutlich auf dem letzten Platz. Die Armutsgefährdungsquote gibt den Anteil der Bevölkerung an, der mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen muss. Im Vergleich zu 2020 konnte sich Bremen aber um 1,4 Prozent verbessern.

Niedersachsen verschlechterte sich dagegen auch vor dem Hintergrund der Corona-Pandemiefolgen um 1,7 Prozent. Das Land rangierte auf der Liste mit 17,9 Prozent auf Platz neun. Regional betrachtet gibt es deutliche Unterschiede: Während das Umland von Hannover mit 14,8 Prozent deutlich hinter dem Landesdurchschnitt bleibt, liegen die Region Ostfriesland mit 20,2 Prozent oder die Landkreise Goslar, Osterode am Harz, Göttingen und Northeim mit 20,6 Prozent weit darüber.

«Armut ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das zu viele Menschen in Niedersachsen betrifft - vor allem Kinder», sagt Kerstin Tack, Vorsitzende des Paritätischen in Niedersachsen. «Was wir heute sehen, sind die Folgen der Corona-Pandemie. Der Ukraine-Krieg und der damit einhergehende rasante Preisanstieg bei Wohnenergie und Lebensmitteln kommen erst noch auf uns zu.»

Bundesweit erreichte die Armutsgefährdungsquote mit 16,6 Prozent im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand. Demnach leben 13,8 Millionen Menschen in Deutschland unterhalb der entsprechenden Grenze - 600 000 mehr als vor der Pandemie. «Die Befunde sind erschütternd, die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie schlagen inzwischen voll durch», sagte Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands. Er rechnet angesichts der aktuell hohen Inflationsrate mit einer weiteren Verschärfung.

In diesem Punkt konnte das Landesamt für Statistik am Mittwoch keine guten Nachrichten vermelden, denn die Verbraucherpreise in Niedersachsen stiegen im Juni um 7,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Im Mai hatte die Inflationsrate bei 7,6 Prozent gelegen. Deutlich teurer wurden trotz des Tankrabatts unter anderem Benzin und Diesel: Kraftstoffe waren 33,7 Prozent teurer als vor einem Jahr.

Im Bereich Personen- und Güterbeförderung, zu dem der Nahverkehr gehört, gingen die Preise hingegen durch das 9-Euro-Ticket um 27,7 Prozent zurück. Die Preise für Haushaltsenergie wie Heizöl und Erdgas legten um 42,2 Prozent zu. Strom war 20,7 Prozent teurer. Auch die Lebensmittelpreise zogen an. So kostete Butter 43,3 Prozent mehr. Fleischwaren waren 18,1 Prozent teurer. Molkereiprodukte und Eier legten um 14,9 Prozent zu.

Der Sozialverband VdK Niedersachsen-Bremen forderte die Politik in einem Positionspapier auf, mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, Barrierefreiheit umfassend umzusetzen und echte Teilhabe etwa durch Texte in leichter Sprache zu ermöglichen. Zudem müsse die regionale Gesundheitsversorgung zukunftsfähig gemacht, die häusliche Pflege stärker unterstützt und ehrenamtlichen Engagement anerkannt werden.

© dpa

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