Tante sagt im Prozess aus: «Als ob er ein Fremder war»

Es war eine grausame Bluttat, bei der im Februar eine Familie ums Leben kam. Vater, Mutter, Tochter starben auf brutale Weise. Angeklagt ist der Sohn. Dessen Tante sagte nun als Zeugin aus.
Das Landgericht in Rostock. © Bernd Wüstneck/dpa

Der Angeklagte mied den Blickkontakt zur Zeugin und starrte meist apathisch vor sich hin auf den Tisch. Im Zeugenstuhl, keine fünf Meter entfernt, saß seine Tante. Ihr Neffe soll am 7. Februar in Rövershagen (Kreis Rostock) seinen Vater, seine Schwester und später seine Mutter mit einer Armbrust und einer Machete ermordet haben. Die 62-jährige Zeugin verlor bei dem Verbrechen, Bruder, Schwägerin und Nichte. Sie gewährte am Donnerstag, dem dritten Prozesstag am Landgericht Rostock, Einblicke in das Familienleben und stellte manchmal die Geduld des Richters auf die Probe.

Ihre Aussagen machte die Zeugin auf Deutsch, nur ab und zu wechselte sie in die russische Sprache, was dann von einer Dolmetscherin übersetzt wurde. Sie kam 1997/1998 mit ihrer Familie aus Sibirien nach Deutschland, ihr Bruder folgte mit seiner Familie drei Jahre später und wohnte zuletzt in einem Einfamilienhaus in Rövershagen. Der heute 27-jährige Angeklagte und auch dessen Schwester wurden nach ihrer Aussage im Alter von einem Jahr beziehungsweise einem Monat von ihrem Bruder und ihrer Schwägerin in Russland adoptiert.

Sie beschrieb ihren Neffen als still, zurückhaltend und ruhig. Er habe nie viel gesprochen und sei in seinen Gedanken gewesen. «Als ob er ein Fremder war», sagte die Zeugin. Zwar habe ihr Bruder die Kinder streng erzogen und auch mit ihnen geschimpft, doch habe er ihr gegenüber auch gesagt: «Das sind meine Kinder. Ich liebe sie über alles. Wo ich kann, helfe ich.» Das sei auch beim Angeklagten so gewesen, dem sein Vater ein Auto gekauft und finanziell geholfen habe.

Gleich zu Anfang hatte die Zeugin betont, dass sie Aussagen machen wolle und das für ihren Bruder tue. Richter Peter Goebels musste die sichtlich betroffene Frau allerdings mehrfach bremsen, da sie ihm ins Wort fiel. «Warten Sie bitte zunächst meine Frage ab», erinnerte er sie ein ums andere Mal. Sie schilderte auch, wie sie im März versuchte, ihre Schwägerin zu erreichen. Ihr Neffe habe ihr damals am Telefon gesagt, dass seine Eltern in Warnemünde spazieren seien. Zu dem Zeitpunkt waren sie allerdings den Ermittlern zufolge bereits tot.

In Vernehmungen hatte der Angeklagte die Taten eingeräumt und als Motiv «Hass auf alle» angegeben. Vor Gericht widerrief er aber über seine Anwältin sein Geständnis. Laut Anklage soll er zunächst seinen auf der Couch schlafenden und angetrunkenen Vater (52) mit einer Armbrust vier Pfeile in den Kopf geschossen haben. Da er aber nicht sofort tot war, stach er mit einer Gartenmachete mit einer 23 Zentimeter langen Klinge auf ihn ein. Der Vater verblutete.

Noch am selben Tag lockte der 27-jährige Deutsche laut Anklage seine Schwester in das elterliche Haus. Auch ihr schoss er von hinten Pfeile in den Kopf und stieß ihr die Machete in die linke Brust, wodurch laut Anklage Herz und Lunge durchstochen wurden. Einige Tage später, am 11. Februar, soll er dann seine zuvor abwesende 48 Jahre alte Mutter auf nahezu gleiche Weise umgebracht haben.

Dem Mann wird dreifacher Mord zu Last gelegt. Im Falle eines Schuldspruchs droht ihm eine lebenslange Freiheitsstrafe. Das Gericht wies am Donnerstag einen Befangenheitsantrag der Verteidigung gegen die Kammer als unbegründet zurück. Der bis 15. Dezember terminierte Prozess wird am 30. November fortgesetzt.

© dpa
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