Statt Corona-Blindflug ins Abwasser schauen?

Statistiker befinden sich hinsichtlich der Corona-Infektionen derzeit weitgehend im Blindflug. Ein Blick ins Abwasser könnte Abhilfe schaffen. Das Verfahren steht aber auch in MV noch am Anfang.
Bei Nordwasser wird eine Probe entnommen, die auf Corona-Viren untersucht wird. © Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild

Der Greifswalder Bioinformatiker Lars Kaderali hat sich für eine Ausweitung von Abwasseruntersuchungen auf Corona ausgesprochen. «Ich würde es sinnvoll finden, weil es mit relativ wenig Aufwand zu betreiben ist», sagte Kaderali, der dem Corona-Expertenrat der Bundesregierung angehört, der Deutschen Presse-Agentur. Entsprechende Untersuchungen gäben gute Indikatoren vor allem zum Verlauf des Infektionsgeschehens. Auch die deutschen Amtsärzte hatten sich kürzlich für eine Ausweitung ausgesprochen.

Im Nordosten wird bisher nur in Rostock Abwasser auf Corona untersucht. Grundlage sind Stuhl-Ausscheidungen, in denen sich das Virus nachweisen lässt. Darüber lässt sich wiederum die Verbreitung in einer Region nachvollziehen. Laut Experten wie Kaderali sind Zahlen zum Infektionsgeschehen, die auf PCR-Tests basieren, derzeit kaum belastbar, da sich bei weitem nicht alle Infizierten testen lassen.

Kaderali geht für Deutschland davon aus, dass es bis zu vier Mal so viele Corona-Infektionen gibt wie offiziell registriert. Das könne man grob abschätzen, wenn man Abwasserdaten und registrierte Infektionen der jetzigen Welle mit Daten aus vorhergehenden Wellen ins Verhältnis setze. Speziell für den Nordosten stünden entsprechende Abwasserdaten aber noch nicht zur Verfügung.

Aus Rostock wurden nach Angaben der Nordwasser GmbH seit Mitte März rund 35 Proben zur Analyse an ein externes Labor versendet. Eine belastbare Auswertung mit Blick auf das Pandemie-Geschehen sei derzeit noch nicht möglich. Die Daten würden zur Entwicklung eines Modells genutzt, das deutschlandweit als Frühwarnsystem genutzt werden soll. Dabei spielten auch Einflussfaktoren wie etwa die Regenmenge eine Rolle. 20 Kläranlagenbetreiber nähmen an dem Projekt teil.

Ein Vorteil von Abwasseruntersuchungen ist laut Kaderali, dass das Infektionsgeschehen hier noch schneller ersichtlich wird als etwa in den vom Robert Koch-Institut (RKI) gemeldeten Daten. Grund sei der Meldeverzug der Gesundheitsämter.

Das Schweriner Gesundheitsministerium kommt zu dem Urteil: «Die Abwasseranalyse könnte zukünftig ein gutes, zusätzliches Instrument zur Pandemiebeurteilung sein.» Deutschland befinde sich aber noch in der Testphase. Beim Städte- und Gemeindetag in MV will man nach eigener Aussage die Ergebnisse der Modellversuche abwarten. Wenn es gut funktioniere, könne man den Ansatz auch für andere Erreger jenseits des Coronavirus einsetzen.

In zahlreichen Ländern wird Abwasser in kleineren Projekten oder im Zuge größerer Erhebungen auf Sars-CoV-2 untersucht. In Nachbarländern wie Österreich und den Niederlanden weisen jeweils Corona-Dashboards im Internet die Ergebnisse aus.

Für Kaderali gäbe es jenseits von Abwasseruntersuchungen noch einen besseren Weg zur Überwachung des Pandemiegeschehens. «Dafür könnte man eine repräsentative Stichprobe machen.» Man könne beispielsweise alle zwei Wochen deutschlandweit dieselben 100.000 Menschen testen. «Dann hat man ein ganz gutes repräsentatives Bild der Lage.» Eine solche Methode ließe sich aber frühestens bis zum kommenden Jahr etablieren, sagte der Wissenschaftler unter Verweis auf RKI-Angaben.

© dpa
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