Speicher zu 85 Prozent gefüllt, Nord Stream 1 weiter zu

Eine angeblich defekte Turbine, aber kein Reparaturauftrag, Vorwürfe aus Moskau und Ärger in Berlin: Ein Ende des Gas-Lieferstopps durch Nord Stream 1 scheint nicht in Sicht. Aus anderen Ländern fließt trotzdem noch Gas nach Deutschland - doch reicht das?
Rohrsysteme und Absperrvorrichtungen in der Gasempfangsstation von Nord Stream 1. © Stefan Sauer/dpa/Archivbild

Die Einspeicherung von Gas in Deutschland geht ungeachtet des Gas-Lieferstopps durch die Pipeline Nord Stream 1 weiter. Inzwischen ist bei den Füllständen der Speicher die Marke von 85 Prozent überschritten, wie das Bundeswirtschaftsministerium am Sonntag auf Twitter mitteilte.

Gleiches geht aus Daten hervor, die am Sonntag auf der Webseite der europäischen Gasspeicher-Betreiber veröffentlicht wurden: Demnach waren die Speicher am vergangenen Freitag (2. September) zu 85,02 Prozent gefüllt. Damit ist das von einer Verordnung der Bundesregierung vorgegebene Ziel, am 1. Oktober mindestens 85 Prozent Füllstand zu erreichen, mit deutlichem Vorlauf erreicht.

Der russische Staatskonzern Gazprom hatte zuvor angekündigt, kein Gas mehr durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 zu leiten und dies mit einem technischen Defekt in der Kompressorstation Portowaja begründet. Bis dieser behoben sei, könne kein Gas mehr fließen.

«Putins Russland ist vertragsbrüchig geworden», sagte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) am Sonntag bei der Vorstellung des dritten Entlastungspakets der Ampel-Koalition. Russland sei kein zuverlässiger Energielieferant mehr. Deutschland sei darauf aber vorbereitet. «Wir werden durch diesen Winter kommen.»

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow machte die europäische Sanktionspolitik für den Lieferstopp verantwortlich. «Wenn die Europäer eine absolut absurde Entscheidung treffen, wonach sie sich weigern, ihre Anlagen zu warten, oder besser gesagt, Anlagen, die Gazprom gehören, dann ist das nicht die Schuld von Gazprom, sondern die Schuld der Politiker, die Entscheidungen über Sanktionen getroffen haben», sagte er in der im Staatsfernsehen ausgestrahlten Sendung «Moskau. Kreml. Putin.», wie die Nachrichtenagentur Interfax am Sonntag meldete.

Siemens Energy, Hersteller der angeblich defekten Turbine, teilte auf Anfrage mit, dass die Servicetechniker einsatzbereit und immer für Gazprom erreichbar seien. Es gebe aber keinen konkreten Reparaturauftrag von Gazprom. Eine nach Angaben von Siemens Energy reparierte und einsatzbereite Turbine für Nord Stream 1 steht zudem weiter in Mülheim an der Ruhr und wartet auf den Transport.

Ohnehin erhält Deutschland inzwischen deutlich mehr Gas aus Norwegen, Belgien und den Niederlanden, als vor dem Lieferstopp aus Russland kam. Trotzdem ist unklar, ob sich das nächste Speicherziel ohne Nord-Stream-Gas erreichen lässt. Der Geschäftsführer des Branchenverbandes Initiative Energien Speichern (INES), Sebastian Bleschke, hatte zwar bereits Freitagabend angekündigt, dass die Speicher weiter befüllt werden. «Sollte der komplette Ausfall russischer Gastransporte sich bis in den November fortsetzen, wird ein Erreichen des 95-Prozent-Ziels allerdings große Anstrengungen erfordern», sagte er.

Die Bundesnetzagentur schrieb in ihrem Lagebericht am Sonntag, dass die Gasversorgung in Deutschland weiter stabil sei, betonte gleichzeitig aber erneut die Bedeutung eines sparsamen Gasverbrauchs. In der ersten, etwas kälteren Septemberwoche hätten die privaten Verbraucher ihren Gasverbrauch leicht gesteigert, sagte Agenturchef Klaus Müller der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Offenbar sei noch nicht allen klar, dass man zum Gassparen die Einstellungen der Heizung ändern müsse. «Ob es im Winter ohne Rationierungen klappt, können wir alle beeinflussen: Es steht und fällt mit dem Verhalten der privaten Haushalte.»

© dpa
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