Lange Wartelisten: Fahrradsaison 2022 hat begonnen

19.04.2022 Die Corona-Pandemie hat dem Fahrrad Aufschwung verliehen. Das führte zu langen Schlangen vor den Läden. Werkstatttermine sind auch jetzt zu Beginn der neuen Saison schon wieder knapp.

Zweiradmechanikermeister Thomas Schütt steht zwischen neuen Fahrrädern. © Frank Rumpenhorst/dpa/Archivbild

Rennräder, Trekking-Fahrräder, Mountain-, City- und Gravel-Bikes, Lastenräder und natürlich die mit unterstützendem Elektromotor ausgestatteten Pedelecs in immer neuen Ausführungen: Fahrradfahren liegt auch in diesem Jahr wieder groß im Trend. Milde Temperaturen und Sonnenschein haben die Saison früh eingeläutet - und schon gibt es wieder lange Wartelisten in den Werkstätten. Ein Überblick über die Lage im Frühjahr 2022.

Nachfrage

81 Millionen Fahrräder gibt es nach Angaben des Zweirad-Industrie-Verbands in Deutschland, also in etwa eines für jeden Bundesbürger und jede Bundebürgerin. Vergangenes Jahr sei trotz Lieferproblemen ein Erfolg gewesen, erklärt die Industrie. Zwar lag es unter dem Rekordjahr 2020, doch erneut deutlich über den Vor-Corona-Jahren.

Erwartet wird weiter eine hohe Nachfrage, auch wegen der steigenden Energiepreise. Käuferinnen und Käufer greifen immer tiefer in die Tasche: Der durchschnittliche Verkaufspreis lag vergangenes Jahr bei 1395 Euro - fast drei Mal so viel wie noch zehn Jahre zuvor. Grund sind die Pedelecs, deren Anteil der Einschätzung zufolge weiter steigen wird.

Läden und Werkstätten

Glück hat, wer schon ein Fahrrad besitzt, das den Winter ohne Schaden überstanden hat. Denn für Termine in der Werkstatt gibt es schon wieder lange Wartelisten, wenn auch keine Schlangen vor den Läden mehr wie zu Beginn der Corona-Pandemie. Drei Wochen müsse man auf einen Reparaturtermin warten, heißt es beim Fahrradladen Montimare in Frankfurt, von vier Wochen spricht Thomas Schütt von Zweirad Ganzert. Je nach nötigem Ersatzteil könne es auch länger dauern. Die Recherche, wo Teile noch zu bekommen seien, halte zusätzlich auf. Neuräder sind nach Angaben der Läden derzeit besser verfügbar als im Vorjahr. Wer spezielle Wünsche habe, müsse dennoch warten. Wer in seiner Vorstellung flexibel sei, werde eher fündig.

Großes Potenzial

Von einem nachhaltigen Trend zum Fahrrad geht auch der Professor für nachhaltige Mobilität und Radverkehr an der Frankfurt University of Applied Sciences aus, Dennis Knese. «Enormes Potenzial gibt es auf Kurzstrecken, unter zwei oder fünf Kilometern, die werden oft noch mit dem Auto gefahren», sagt Knese. Dringend nötig sei ein starker Ausbau der Infrastruktur, aus Radwegen müssten zusammenhängende Netze werden, um auch auf längeren Strecken Alternativen zum Auto zu ermöglichen. Zudem brauche es sichere Abstellmöglichkeiten, auch an Bahnhöfen. «Es ist noch ganz, ganz viel Luft nach oben», bilanziert der Professor. Zwar investiere die Politik, auch Hessen, mehr Geld in den Radverkehr - im Vergleich zum Autoverkehr sei dies aber noch immer sehr wenig.

Dringende Anliegen

Dies sieht auch der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) so. Die Bundesregierung habe selbst ausgerechnet, dass pro Bürger und Bürgerin jährlich 30 Euro in den Radverkehr investiert werden müssten. Hessen komme trotz aktueller Rekordinvestitionen nicht mal auf die Hälfte des Betrags, kritisiert Landesgeschäftsführer Norbert Sanden.

Zudem fehlten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Behörden, um Fördergeld umzusetzen. Klimakrise und die zugespitzte geopolitische Lage müssten «ein Weckruf sein, jetzt erst recht kräftig in umweltfreundliche Verkehrsträger zu investieren», sagt Sanden. Städte und Gemeinden könnten auch kurzfristig tätig werden: Radwege markieren und Tempolimits von 30 Stundenkilometern verhängen.

Ausblick

Mit einer Unterschriftensammlung wollen mehrere Verbände und Initiativen die Bedingungen für Fahrradfahrerinnen und -fahrer verbessern - ebenso wie die für Fußgänger und Fahrgäste in Bussen und Bahnen. Sie streben ein Volksbegehren an, das die Verkehrswende in Hessen voranbringen soll. Zu den konkreten Zielen gehören mehr Radwege, breitere Gehwege und Straßen sowie beim ÖPNV ein besseres Liniennetz, kürzere Fahrzeiten und eine höhere Frequenz. Mindestens 45 000 Unterschriften sollen bis Ende August zusammenkommen und Landesverkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) in Wiesbaden übergeben werden.

© dpa

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