Auf grüner Welle durch die Stadt: Apps zur Stauverhinderung

15.05.2022 Stockender Verkehr ist nicht nur ein Ärgernis für Autofahrer, sondern auch schädlich für die Umwelt. Damit es weniger Stau und sauberere Luft gibt, setzen hessische Kommunen auf die Digitalisierung des innerstädtischen Verkehrs.

Ein Autofahrer benutzt die Grüne-Welle-App «trafficpilot» als Ampelphasen-Assistenten beim Fahren. © Sebastian Gollnow/dpa

Eine grüne Welle schont nicht nur die Nerven der Autofahrer, sondern auch die Umwelt. Hessische Städte setzen vermehrt digitale Technik ein, die für weniger Staus und sauberere Luft sorgen soll.

Kassel:

In Kassel ist dazu jetzt die App «trafficpilot» im Einsatz. «Mithilfe des Ampelphasen-Assistenten können unnötige Halte vor Ampeln vermieden werden», erklärt die Stadt.

Anhand von Standortdaten und der aktuelle Geschwindigkeit des Autos ermittelt das für den Nutzer kostenfreie System, ob und mit welchem Tempo sich die nächste Ampel bei grün erreichen lassen kann. Ziel ist es, den Fahrer darüber zu informieren, ob er mit einer niedrigeren als der erlaubten Höchstgeschwindigkeit flüssiger vorankommt, also ohne zusätzliche Stopps. Kommt es doch zu einem Stopp, läuft ein Countdown bis zur nächsten Grünphase.

«Die App kann dadurch zu einer Verringerung des Kraftstoffverbrauchs und von Emissionen beitragen», teilt die Stadt Kassel mit. Auch Radfahrer sollen mit der Grüne-Welle-App entspannter ans Ziel kommen. Der Dienst wird an insgesamt 160 der 220 Ampeln in Kassel für mindestens eine Richtung angeboten. Das durch Mittel aus dem Kommunalinvestitionsprogramm geförderte Projekt hat 230.000 Euro gekostet. Der Eigenanteil der Stadt lag bei 23.000 Euro.

Frankfurt:

Mit Frankfurt nutzt auch Hessens größte Stadt den «trafficpilot». Die App verspreche weniger Halte an Kreuzungen für den Rad- und Autoverkehr und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Erhöhung der Verkehrssicherheit und -effizienz - mit dem Effekt, Lärm- und Luftschadstoffe zu reduzieren, teilte die Stadt bei Einführung im Februar mit. Die Kosten für die Entwicklung - rund 256.000 Euro - wurden zur Hälfte aus Bundesmitteln gefördert.

Wiesbaden:

Wiesbaden nahm Ende vergangenen Jahres die Verkehrssteuerung «Digi-V» in Betrieb. Die Stadt gehört nach eigenen Angaben zu den 70 Städten in Deutschland, die regelmäßig den Stickstoff-Grenzwert überschreiten. Um besser auf die Verkehrssituation und die Einhaltung der Grenzwerte für Luftschadstoffe reagieren zu können, erhebt und analysiert das System «Digi-V» Verkehrs- und Umweltdaten.

Dazu sind sämtliche Ampeln an das digitale Leitungsnetz der Stadt und damit zentral an den Verkehrsrechner und die Leitzentrale angeschlossen. Zusätzlich wurden sie mit Umwelt- beziehungsweise Wettersensoren ausgestattet. Kameras erfassen Verkehrsströme. Die Daten werden an den Verkehrsrechner geschickt und dort als Entscheidungsgrundlage für die Verkehrssteuerung ausgewertet. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter könnten so flexibler auf die aktuelle Verkehrssituation reagieren und Maßnahmen einleiten, um den Verkehrsfluss und die Luftqualität zu verbessern, erklärt die Stadt. Zum Beispiel könnten Ampelanlagen, vor denen eine lange Fahrzeugschlange steht, längere Grünzeiten bekommen.

Das Digi-V-Projekt ist Teil des Sofortprogramms der Landeshauptstadt, um ein Dieselfahrverbot abzuwenden. Das Projekt wurde durch das Bundesministerium für Verkehr und Infrastruktur mit 15 Millionen Euro gefördert - das ist die Hälfte der Gesamtkosten.

Darmstadt:

In Darmstadt müssen die Verkehrsteilnehmer aktuell wieder ohne Ampelphasenassistent auskommen. Dort war 2019 die kostenlose App «EnLighten» an den Start gegangen. «Leider hat dieses amerikanische Startup-Unternehmen die Coronakrise 2020 nicht überlebt und die Server wurden nicht weiter betrieben», sagte ein Sprecher der Stadt. Rückwirkend sei die App ihrer Zeit voraus gewesen. Sie habe stadtweit zuverlässige Prognosen der optimalen Reisegeschwindigkeit und Restdauer bis zum Grün-Signal geliefert. In den nächsten Monaten soll daher ein neuer Ampelphasenassistent zunächst auf einer Anwendungsstrecke getestet werden. «Nach erfolgreichem Test soll dieser stadtweit ausgerollt werden.»

Das sagt der ADAC:

Der ADAC Hessen-Thüringen hält die eingesetzten digitalen Lösungen für sinnvoll und wirksam. Voraussetzung sei natürlich, dass sich die Nutzer weiterhin an die Verkehrsregeln hielten, sagt Verkehrsexperte Wolfgang Herda. «Die Systeme dürfen nicht genutzt werden, um zu sagen, dann beschleunige ich mal richtig, um die Grünphase noch zu schaffen. Das wäre gefährlich», betont er. «Wir haben aber festgestellt, dass solche Apps eine positive Wirkung auf die Nutzer haben.»

Sie seien für Verkehrsteilnehmer eine gute Entscheidungshilfe und könnten so positiv auf den Verkehr einwirken. «Sie helfen, den Verkehrsfluss regelmäßiger zu gestalten. Mit weniger Stop-and-go-Verkehr sinken Kraftstoffverbrauch und Emissionen.» Audi etwa habe den Spritverbrauch in einem Pilotprojekt zu einem eigenen Ampelinformations-System um 15 Prozent senken können.

© dpa

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