Hohe Nachfrage nach Lebensmittelspenden und Beratung

Schon jetzt gibt es Schlangen bei der Ausgabe an den Tafeln und Wartelisten bei der Schuldnerberatung. Vor dem Hintergrund explodierender Preise stellen sich die Organisatoren auf noch mehr Hilfesuchende ein.
Ein Mitarbeiter bringt an einer Ausgabestelle der Tafel Frankfurt Taschen zu einem Kunden. © Sebastian Gollnow/dpa/Archivbild

Die Tafeln in Hessen verzeichnen eine stark gestiegene Nachfrage nach gespendeten Lebensmitteln. Bis Juli seien in diesem Jahr 35 Prozent mehr Kunden zu verzeichnen, sagte Katja Bernhard vom Landesverband der Tafeln. Zugleich seien 30 Prozent weniger Lebensmittel an die insgesamt 58 Tafeln im Land weitergegeben worden - unter anderem, weil Supermärkte nun genauer kalkulierten, so dass weniger übrig bleibe. Zeitweise seien lokal Aufnahmestopps für Neukunden nötig geworden.

Der Anstieg bei der Nachfrage sei unter anderem auf Geflüchtete aus der Ukraine zurückzuführen, sagte Bernhard. Schon wegen der Corona-Pandemie seien mehr Menschen zu den Tafeln gekommen, darunter Rentner und Menschen, die ihre Arbeit verloren oder wegen Kurzarbeit weniger Geld zur Verfügung hatten.

Angesichts der Preissteigerungen sei zu erwarten, dass sich auch in den kommenden Monaten mehr Menschen meldeten. Zugleich müssten sich auch die Trägervereine auf steigende Betriebskosten einstellen. Mit rund 6000 überwiegend ehrenamtlichen Helfern unterstützen die Tafeln rund 135 000 Menschen in Hessen. Es liefen Gespräche mit der Landesregierung über staatliche Unterstützung, sagte Bernhard.

Forscher warnen vor steigender Armut. Von einer dramatischen Situation hatte zuletzt etwa die Sozialrechtsexpertin Anne Lenze von der Hochschule Darmstadt gesprochen. Menschen mit geringem Einkommen gäben bereits einen Großteil für Wohnen und Lebensmittel aus. Da sie auch meist in schlechter gedämmten Wohnungen lebten, würden sie von höheren Energiekosten voll erfasst.

Auch die Schuldnerberatung der Caritas rechnet deshalb mit zahlreichen weiteren Anfragen. Schon bisher gebe es mehr zu tun als zu bewältigen sei, auch aufgrund der Corona-Pandemie, sagte Martina Boll-Arufe, Leiterin der Schuldnerberatungsstelle der Caritas in Frankfurt. Es gebe eine Warteliste von zwei bis drei Monaten für ein Gespräch.

In Notfällen, wenn etwa der Strom abgestellt werden soll oder es um andere existenzielle Fragen geht, erhalte man innerhalb weniger Tage einen Termin. Dass Ratsuchende ihre Stromrechnung nicht bezahlen könnten, sei ein häufiges Problem, sagte Boll-Arufe: «Viele versuchen, ein Loch mit dem anderen zu stopfen.» Wichtig sei, dass sich Betroffene rechtzeitig an eine der kostenlosen, öffentlich geförderten Beratungsstellen wendeten. Dann könne meist noch eine Ratenzahlung ausgehandelt werden.

Die Ratsuchenden seien auch psychisch belastet, das gehe bis zur Handlungsunfähigkeit - Ladenbesitzer oder andere Selbstständige beispielsweise, die wegen der Pandemie ihr Geschäft aufgeben mussten. Die drohenden Preissteigerungen seien eine große Belastung. «Für Menschen, die ein Leben lang schon zu wenig hatten, ist das psychisch und faktisch die Frage, wie sie das bewältigen sollen.»

© dpa
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