Kritik bis zum Schluss: Die documenta in Kassel ist beendet

Die documenta fifteen in Kassel ist nach 100 Tagen zu Ende gegangen. Die Antisemitismus-Debatte um die Weltkunstausstellung hielt bis zum Schluss an. Das Auschwitz-Komitee sieht die Institution vor einem Scherbenhaufen.
Besucher stehen hinter einem Veranstaltungsplakat am Eingang zum Museum Fridericianum in einer Schlange. © Swen Pförtner/dpa

Die documenta fifteen in Kassel ist nach 100 Tagen Laufzeit zu Ende gegangen. Bis zum letzten Öffnungstag wurde die Weltkunstausstellung von Antisemitismus-Vorwürfen überschattet. So zog das Internationale Auschwitz-Komitee am Sonntag eine verheerende Bilanz: «Am Ende der documenta fifteen ist das trotzige Beharren vieler Verantwortlicher und der Rückzug hinter die Mauern der eigenen Arroganz zur traurigen Realität dieses Kunstfestes geworden», sagte Exekutiv-Vizepräsident Christoph Heubner laut Mitteilung.

Gleichzeitig zog die documenta fifteen zahlreiche Besucher an - auch wenn die Zahl laut Interims-Geschäftsführer Alexander Farenholtz etwa 15 bis 20 Prozent unter dem Rekordwert der Vorgängerveranstaltung liegt. Die documenta 14 hatte 2017 rund 891.500 Menschen nach Kassel gezogen, 339.000 weitere Menschen an den zweiten Standort in Athen. Die vorläufigen Zahlen in diesem Jahr dürften sich also schätzungsweise zwischen rund 710.000 und 760.000 Besuchern bewegen. Endgültige Zahlen werden für diesen Montag erwartet.

Für das das Internationale Auschwitz-Komitee monierte Heubner, die auf der documenta immer wieder inszenierte Kritik an der Existenz des Staates Israel habe «tief im altbekannten Sumpf antisemitischer Vorurteile» gesteckt und nie begriffen, dass hier auch Menschen verletzt, diffamiert und ausgegrenzt würden, die dies in ihrer Familiengeschichte schon einmal bis zum bitteren Ende hätten erleben müssen.

Weiter sagte er: «Dass diese antisemitische Konnotation in Deutschland und bei der documenta fifteen trotz wachsender Kritik und Diskussionsangeboten über 100 Tage lang möglich war, wird der bleibende Makel dieses Projektes bleiben, der eine Zeitenwende in Deutschland markiert und viele politische Äußerungen als Lippenbekenntnisse entlarvt.»

Die neben der Biennale in Venedig weltweit bedeutsamste Ausstellung für zeitgenössische Kunst war von immer neuen Antisemitismus-Vorwürfen erschüttert worden. Bereits zu Jahresbeginn waren erste Stimmen laut geworden, die dem indonesischen Kuratorenkollektiv Ruangrupa und einigen eingeladenen Künstlern eine Nähe zur anti-israelischen Boykottbewegung BDS vorwarfen. Kurz nach Eröffnung Mitte Juni wurde eine Arbeit mit antisemitischer Bildsprache entdeckt und abgebaut. Auch danach wurden Werke mit antijüdischen Stereotypen entdeckt.

«Die Documenta steht vor einem Scherbenhaufen, aber auch aus Scherben lässt sich eine neue Welt zusammenfügen», erklärte Auschwitz-Komitee-Vertreter Heubner. In Deutschland würden Politik und Gesellschaft über diese Zeitenwende und die aus der documenta fifteen hervorgebrochenen Debatten ins Gespräch kommen und die Realitäten von Antisemitismus und Israelhass im internationalen Kontext neu bewerten müssen. Die Documenta müsse ein Konzept entwickeln, das vor allem die eigene Verantwortung ernst nehme und neue, provozierende Blickwinkel auf die verstörende Realität unserer Welt ermögliche.

© dpa
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