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Historikerin Applebaum erhält Friedenspreis

Anne Applebaum ist Expertin für Osteuropa, eine Kritikerin Putins - und die Friedenspreisträgerin 2024. Ihr Werk sei ein wichtiger Beitrag für die Bewahrung der Demokratie und Frieden, so die Jury.
Verleihung Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2022
ÇFriedenspreis des Deutschen BuchhandelsÈ steht vor der Verleihung Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2022 an den ukrainisches Schriftsteller Zhadan in der Frankfurter Paulskirche auf einem Monitor. © Sebastian Gollnow/dpa

Sie zählt zu den profiliertesten Kritikern autoritärer Herrschaft und russischer Expansionspolitik: Nun wird die Historikerin und Publizistin Anne Applebaum (59) mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

«In einer Zeit, in der die demokratischen Errungenschaften und Werte zunehmend karikiert und attackiert werden, wird ihr Werk zu einem eminent wichtigen Beitrag für die Bewahrung von Demokratie und Frieden», heißt es in der Begründung des Stiftungsrats.

Die Ehrung wird traditionell zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse überreicht, in diesem Jahr am 20. Oktober.

Applebaum ist Expertin für osteuropäische Geschichte. Schon frühzeitig warnte sie in ihren Büchern und Essays vor Russlands Präsident Wladimir Putin und seinem aggressiven antiwestlichen Kurs. Sie forderte schon früh Unterstützung für die Ukraine, um Russland eine klare Botschaft zu senden.

Die Auszeichnung mit dem Friedenspreis sei für sie eine Ehre, sagte Applebaum der Deutschen Presse-Agentur. «Dies ist für mich von besonderer Bedeutung, weil meine Arbeit zur sowjetischen und osteuropäischen Geschichte so sehr von den Forschungen deutscher Historiker und Wissenschaftler profitiert hat.»

Applebaum dankte der Jury und «allen in Deutschland, die weiter für Frieden, Freiheit und Demokratie in der Ukraine, in Russland und ganz Europa kämpfen». Die Expertin für osteuropäische Geschichte zählt zu den profiliertesten Kritikern autoritärer Herrschaft und russischer Expansionspolitik. Schon frühzeitig warnte sie in ihren Büchern und Essays vor Russlands Präsident Wladimir Putin und seinem aggressiven antiwestlichen Kurs.

Applebaum wurde als Kind jüdischer Eltern in Washington D. C. geboren. Nach ihrem Studium in Yale, London und Oxford begann ihre Karriere 1988 als Korrespondentin des «Economist» in Polen, von wo sie über den Zusammenbruch des Kommunismus berichtete. Mit Unterbrechungen lebt Applebaum nunmehr seit Jahrzehnten in Polen, inzwischen besitzt sie neben der US-amerikanischen auch die polnische Staatsbürgerschaft.

Der mit 25.000 Euro dotierte Friedenspreis gilt als eine der renommiertesten Auszeichnungen. 2023 wurde der britisch-indische Schriftsteller Salman Rushdie geehrt, ein Jahr zuvor der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan. Mit Applebaum wird jetzt eine hierzulande eher unbekannte Preisträgerin gewürdigt.

Anders sieht das in Applebaums Wahlheimat aus: Während ihrer Korrespondentenzeit in Warschau lernte sie Radoslaw Sikorski kennen, den heutigen Außenminister. Die beiden heirateten 1992 und haben zwei Söhne, Aleksandr und Tadeusz. Sie gelten als Power-Paar in Polen. So zählt der 61-jährige Sikorski zu den profilierten Köpfen innerhalb des liberalkonservativen Lagers von Polens Regierungschef Donald Tusk. Er war bereits von 2007 bis 2014 Außenminister und führte zuvor das Verteidigungsressort.

Wie Applebaum ist auch Sikorski überzeugter Transatlantiker und hat immer vor den imperialen Bestrebungen Russlands gewarnt. Ihm werden Ambitionen nachgesagt, im kommenden Jahr bei der polnischen Präsidentenwahl anzutreten. In Brüssel wird er als möglicher Kandidat für den Posten des EU-Verteidigungskommissars gehandelt.

Applebaum arbeitete für verschiedene britische Zeitungen. 2002 wurde sie dann für vier Jahre Mitglied im Herausgebergremium der «Washington Post». Inzwischen schreibt sie vornehmlich für die amerikanische Zeitschrift «The Atlantic». Zudem verfasste sie Bücher wie «Der Gulag» (2003), «Der Eiserne Vorhang» (2012) oder «Die Verlockung des Autoritären» (2021).

Mit ihren Werken, in denen sie den Mechanismen autoritärer Machtsicherung auf der Spur ist, erlangte sie viel Aufmerksamkeit. Bereits 2004 wurde sie mit dem renommierten Pulitzer-Preis geehrt. Zuletzt erhielt sie auch den Carl-von-Ossietzky-Preis 2024 der Stadt Oldenburg.

Sie habe «mit ihren so tiefgründigen wie horizontweitenden Analysen der kommunistischen und postkommunistischen Systeme der Sowjetunion und Russlands die Mechanismen autoritärer Machtergreifung und -sicherung offengelegt», heißt es weiter in der Begründung des Stiftungsrats des Friedenspreises. «Mit ihren Forschungen zur Wechselwirkung von Ökonomie und Demokratie sowie zu den Auswirkungen von Desinformation und Propaganda auf demokratische Gesellschaften zeigt sie auf, wie fragil diese sind - besonders wenn Demokratien von innen, durch Wahlerfolge von Autokraten, ausgehöhlt werden.»

Applebaum und Sikorski verbringen viel Zeit im Ausland. In Polen leben sie in einem malerischen Herrenhaus in dem Dorf Chobielin nahe der westpolnischen Stadt Bydgoszcz. Die beiden haben auch Interessen neben der Politik: So verbrachten sie 15 Jahre damit, das verfallene Gebäude zu restaurieren, wie Applebaum mal erzählte. Zudem brachte Applebaum einst ein Kochbuch mit polnischen Rezepten heraus.

Bundeskanzler Olaf Scholz gratulierte der Publizistin zu der Auszeichnung. «Die Historikerin Anne Applebaum hat früh vor der russischen Expansionspolitik gewarnt, sie bringt uns osteuropäische Geschichte näher und erinnert daran, wie fragil auch demokratische Gesellschaften sein können», schrieb der SPD-Politiker auf X.

In einem Statement von Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) hieß es, Applebaum sei «nicht nur eine der bedeutendsten Historikerinnen unserer Zeit, sondern auch eine standhafte Verfechterin der Demokratie und Menschenrechte.»

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, die Berufsorganisation der Verlage und Buchhandlungen, vergibt den Friedenspreis seit 1950. Gewürdigt werden sollen damit Persönlichkeiten, die in Literatur, Wissenschaft oder Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen haben.

© dpa ⁄ Jenny Tobien und Doris Heimann, dpa
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