documenta-Beirat bekommt Rückendeckung von Gesellschaftern

Die Gesellschafter der documenta stellen sich hinter die Forderung eines Expertengremiums, eine umstrittene Filmvorführung auf der documenta vorübergehend zu stoppen. Der Beirat weist den Zensur-Vorwurf der Künstlerischen Leitung entschieden zurück.
Das Museum «Fridericianum», Ausstellungsort der documenta fifteen. © Andreas Arnold/dpa/Archivbild

Auch kurz vor dem Ende ihrer Spielzeit reißt die Diskussion um die documenta in Kassel nicht ab. Nach der jüngsten Kritik wegen als antisemitisch eingeschätzter Kunstwerke auf der Schau sprechen sich nun auch deren Gesellschafter dafür aus, propalästinensische Propagandafilme nicht mehr zu zeigen. «Die Gesellschafter schließen sich dem Votum der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an, wonach die «Tokyo Reels» des Kollektivs Subversive Film nicht mehr gezeigt werden sollen, mindestens bis eine angemessene Kontextualisierung vorgenommen wurde», teilten die Stadt Kassel und das Land Hessen am Dienstag gemeinsam mit.

Auch Kulturstaatsministerin Claudia Roth forderte die Absetzung «zumindest bis zu einer angemessenen Kontextualisierung». Die documenta forderte sie auf, «sich mit der Bewertung des Expertenrates intensiv und konstruktiv auseinander zu setzen». «Die Kunstfreiheit ist ein sehr hohes und besonders schützenswertes Gut», betonte sie erneut. «Aber auch für die Kunstfreiheit gibt es eine klare Grenze und das ist die Menschenwürde, das ist Antisemitismus, wie auch Rassismus und jede Form der Menschenfeindlichkeit.»

Zuvor hatte das von den Gesellschaftern eingesetzte Expertengremium zur Aufarbeitung der Antisemitismus-Vorwürfe gegen die documenta empfohlen, die umstrittenen propalästinensischen Propagandafilme mit Material aus den 1960er- bis 1980er-Jahren vorübergehend nicht mehr zu zeigen. Eine eventuelle Wiederaufnahme der Vorführungen der Filme sei nur denkbar, «wenn diese in einer Form kontextualisiert würden, die ihren Propagandacharakter verdeutlicht, ihre antisemitischen Elemente klar benennt und historische Fehldarstellungen korrigiert».

Für documenta-Geschäftsführer Alexander Farenholtz kommt die Erklärung des Gremiums nicht überraschend, wie er am Dienstag im Gespräch mit der 3sat-Sendung «Kulturzeit» sagte. «Das Expertengremium hat auf der Linie der Positionierung der Gesellschafter der documenta geurteilt», erklärte Farenholtz. Die documenta sei anders als ein Museum nicht der Idee der Neutralität und Ausgewogenheit verpflichtet: «Parteinahme ist wichtig und die documenta als Institution muss die daraus entstehenden Debatten aushalten.»

Bereits am Montag hatten die Künstlerische Leitung, das indonesische Kuratorenkollektiv Ruangrupa, sowie die documenta-Spitze die Forderungen der Wissenschafler zurückgewiesen. Die Geschäftsleitung der documenta und Ruangrupa hätten die Einschätzung des Gremiums zur Kenntnis genommen. Ruangrupa, denen als Künstlerische Leitung der documenta fifteen die alleinige Entscheidung darüber zustehe, wolle der Empfehlung aber nicht nachkommen, hieß es in einer Stellungnahme der documenta für das Berliner Kunstmagazin «Monopol».

Ruangrupa warf dem Gremium zudem in einem auch von anderen Künstler-Kollektiven unterzeichneten Brief an den Oberbürgermeister von Kassel und Aufsichtsratsvorsitzenden der documenta, Christian Geselle (SPD), die Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) und die hessische Kunstministerin Angela Dorn (Grüne) den Versuch der Zensur sowie «eine rassistische Tendenz» vor.

Der Beirat weist diese Vorwürfe entschieden zurück. Die Äußerungen Ruangrupas bezeichnete dessen Vorsitzende Nicole Deitelhoff gegenüber der Deutschen Presse-Agentur als verstörend. «Dass man unserem Gremium vorwirft, unsere Stellungnahme sei rassistisch oder deutsch-zentriert, ist lächerlich», sagte die Leiterin des Leibniz-Instituts Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. Fast die Hälfte der Mitglieder des achtköpfigen Gremiums seien nicht einmal deutsche Staatsangehörige.

Der Beirat zensiere auch nicht, betonte Deitelhoff. «Das ist nicht unser Mandat. Wir sind weit davon entfernt, etwas zu zensieren.» Die Experten seien lediglich für einen Stopp der Filmvorführung, solange es keine neue Kontextualisierung gebe, unterstrich sie. «Das Zeigen der Filmsequenzen an sich ist nicht problematisch.» Problematisch sei die Art der Präsentation ohne Erläuterung des historisch-politischen Zusammenhangs. «Die bisherige Rahmung, die Ruangrupa selbst in Auftrag gegeben hat, ist völlig unzureichend», so Deitelhoff.

Das Expertengremium werde der Vorwürfe ungeachtet seiner Arbeit weiter nachgehen. «Wir sind nicht von der Künstlerischen Leitung oder der Geschäftsführung der documenta berufen worden. Wir beraten die Gesellschafter», sagte Deitelhoff. Dieser Auftrag bleibe unberührt. «Wir geben aufgrund unserer wissenschaftlichen Einschätzung Empfehlungen. Dazu müssen sich die Gesellschafter verhalten.»

Deren Stellungnahme begrüßte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster. Er habe sich aber deutlich früher ein derartiges Zeichen der Gesellschafter gewünscht, teilte er am Dienstag mit. «Ich erwarte von den Verantwortlichen, dass sie Sorge dafür tragen, dass der hier zur Schau gestellte, staatlich alimentierte Antisemitismus unverzüglich, noch vor dem 25. September beendet wird», betonte Schuster. «Wenn die documenta-Leitung jetzt nicht handelt, zeigt sich, dass die Einrichtung des Expertengremiums nur ein Feigenblatt war, das nicht einmal diesen Namen verdient.»

Der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker kritisierte die Künstlerische Leitung der documenta scharf. «Wer die klare Feststellung des Expertengremiums der documenta einfach abtut und antisemitische und antizionistische Filme weiter zeigt, die noch dazu Israelhass und die Glorifizierung von Terrorismus legitimieren, der handelt selbst antisemitisch», sagte er laut Mitteilung. «Die Weigerung der documenta-Leitung, die Vorführung der antiisraelischen Propaganda-Filme zu stoppen, ist unerträglich und eine Schande.» Nach Vorlage des Expertenurteils gebe es keine anderen Worte für dieses Vorgehen als vorsätzlich antisemitisches Handeln.

© dpa
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