738.000 Besucher: Minus für umstrittene documenta

738 000 Menschen haben die wegen schwerer Antisemitismus-Vorwürfe umstrittene documenta fifteen in Kassel besucht. Das waren zwar weniger als bei der documenta 14. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie sprechen die Veranstalter dennoch von einem Erfolg.
Besucher stehen hinter einem Veranstaltungsplakat am Eingang zum Museum Fridericianum in einer Schlange. © Swen Pförtner/dpa

Nach einhunderttägiger Laufzeit haben die Veranstalter der von massiven Antisemitismus-Vorwürfen überschatteten documenta fifteen trotz Besucher-Minus eine positive Bilanz gezogen. Wie die documenta gGmbH am Montag mitteilte, lockte die Weltkunstausstellung 738.000 Menschen nach Kassel.

Geschäftsführer Alexander Farenholtz zeigte sich laut Mitteilung zufrieden: «Besucher*innen in einer Anzahl erreicht zu haben, die nur etwa 17 Prozent unter den Zahlen der documenta 14 aus dem Jahr 2017 liegt, ist in meinen Augen angesichts der Planung und Durchführung in Pandemiezeiten und der damit einhergehenden Rückgänge im Bereich Fern- und Gruppenreisen als Erfolg zu werten.» Vor fünf Jahren waren rund 891.500 Menschen nach Kassel gekommen, 339.000 weitere Menschen an den zweiten Standort in Athen.

Für die Künstlerische Leitung Ruangrupa sei die Ausstellung, die am Sonntagabend endete, eine Etappe auf der Lumbung-Reise, teilte die documenta gGmbH mit. Das Konzept des Kollektivs fußt auf der indonesischen Lumbung-Architektur. «Lumbung» ist in dem Inselstaat das Wort für eine gemeinschaftlich genutzte Reisscheune, in der die überschüssige Ernte zum Wohle der Gemeinschaft gelagert wird. Diese Tradition des Teilens sollte auf die Weltkunstausstellung in Kassel übertragen werden.

Die documenta fifteen sei nun zwar abgeschlossen, «aber die Lumbung-Praxis wird nach den 100 Ausstellungstagen weiterleben», erklärte Ruangrupa laut Mitteilung. Auf die Antisemitismus-Vorwürfe gegen die Schau gingen in der Bilanz weder die Geschäftsführung noch Ruangrupa ein.

Dem Kuratorenkollektiv und einigen eingeladenen Künstlern war bereits Monate vor dem Beginn der documenta fifteen eine Nähe zur anti-israelischen Boykottbewegung BDS vorgeworfen worden. Kurz nach Eröffnung der Ausstellung war eine Arbeit mit antisemitischer Bildsprache entdeckt und abgebaut worden. Später sorgten weitere Werke mit antijüdischen Stereotypen für Empörung und lösten Forderungen nach einem vorzeitigen Abbruch der Schau aus.

Vor dem Hintergrund des Eklats übte Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) am Sonntagabend deutliche Kritik an Ruangrupa. Als Künstlerische Leitung der documenta fifteen müsse sich das Kollektiv vorwerfen lassen, seiner kuratorischen Verantwortung in dieser Debatte nicht nachgekommen zu sein und einen offenen Dialog mit Kritikern gescheut zu haben, sagte er laut Pressemitteilung. Zudem hätten die Kuratoren die Möglichkeit einer Kontextualisierung umstrittener Werke zu leichtfertig abgetan.

Ziel müsse es nun sein, eine kulturpolitische Debatte einzuleiten und Gespräche wiederaufzunehmen, betonte Geselle, der auch Aufsichtsratsvorsitzender der documenta gGmbH ist. Es gelte, auf Augenhöhe zu diskutieren «und dabei wieder Maß und Mitte zu finden». Der Oberbürgermeister bekräftigte zugleich seine Haltung zur Kunstfreiheit als wichtigem Grundrecht. Politik dürfe nie inhaltlich eingreifen.

Geselle betonte zudem die feste Bindung von documenta und Stadt Kassel. «Versuche, hier einen Keil zwischenzutreiben, werde ich nicht dulden. Die documenta gehört zu Kassel - gestern, heute und in Zukunft.» Auch zur documenta 16 vom 12. Juni bis zum 19. September 2027 werde Kassel wieder ein guter Gastgeber sein.

© dpa
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