Hafenarbeiter legen in Seehäfen die Schiffsabfertigung lahm

Nichts geht mehr - Hafenarbeiter haben die Abfertigung von Schiffen in den großen deutschen Seehäfen mit einem Warnstreik weitgehend lahmgelegt. Die Terminalbetreiber sind empört, ist die Lage wegen gestörter Lieferketten doch ohnehin extrem angespannt.
Hafenarbeiter gehen zu einer Streikversammlung. © Markus Scholz/dpa

Erstmals seit Jahrzehnten haben Hafenarbeiter mit einem Warnstreik an Deutschlands großen Seehäfen die Abfertigung von Schiffen weitgehend lahmgelegt und die ohnehin schon angespannte Lage an den Terminals noch einmal verschärft. Die Beschäftigten wollten mit den Arbeitsniederlegungen am Donnerstag den Druck auf die Arbeitgeber erhöhen, bei der dritten Tarifrunde an diesem Freitag in Hamburg ein neues Lohnangebot vorzulegen. Das bisherige ist aus Sicht der Gewerkschaft Verdi unzureichend und werde der Lage nicht gerecht. Der Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe (ZDS) bezeichnete den Warnstreik als verantwortungslos und inakzeptabel.

Von den Arbeitsniederlegungen der Hafenarbeiter während der Spätschicht betroffen waren die Häfen in Hamburg, Emden, Bremen, Bremerhaven und Wilhelmshaven. Nach Verdi-Angaben kam die Containerabfertigung weitgehend zum Erliegen - was die ohnehin massiven Verspätungen an der Kaikante weiter vergrößerte. Wegen der in Folge der Corona-Pandemie aus dem Tritt geratenen Containerschifffahrt warten Dutzende Schiffe in der Deutschen Bucht auf ihre Abfertigung. Allein für die drei Terminals des Hamburger Hafenlogistikers HHLA lägen zehn Schiffe vor Helgoland auf Reede, sagte HHLA-Sprecher Hans-Jörg Heims der Deutschen Presse-Agentur.

Insgesamt stauen sich nach Berechnung des Kieler Instituts für Weltwirtschaft in der Nordsee derzeit Schiffe mit knapp zwei Prozent der globalen Frachtkapazität, können in Deutschland, Holland oder Belgien weder be- noch entladen werden. Ein Ende ist nicht in Sicht: Nachdem am größten Containerhafen der Welt in Shanghai der monatelange Lockdown aufgehoben worden ist, rollt nun eine Welle an Containerfrachtern auf Europa zu. Dabei gibt es in den Häfen bereits jetzt kaum Container-Stellplätze, weil Boxen, die sonst binnen kurzer Zeit weitertransportiert werden, nun zwischengelagert werden müssen.

Gestörte Lieferketten mit teils wochenlangen Verspätungen der Containerriesen haben auch unmittelbare Folgen für die Hafenarbeiter. Nach Einschätzung vom Verdi haben die Beschäftigten in der Pandemie extreme Flexibilität an den Tag gelegt und viel Mehrarbeit geleistet. Sie «sind an Belastungsgrenzen gegangen und bisweilen auch deutlich darüber hinaus. Sie haben mit ihrer eigenen Hände Arbeit den Laden am Laufen gehalten», hatte Verdi-Verhandlungsführerin Maya Schwiegershausen-Güth zuletzt gesagt. Abgesehen vom Autobereich seien die Umschlagsmengen in fast allen Bereichen sogar gesteigert worden.

Entsprechend hält die Gewerkschaft ihre Forderungen für die Hafenarbeiter in den 58 tarifgebundenen Betrieben in Niedersachsen, Bremen und Hamburg für gerechtfertigt. Verdi verlangt für die rund 12 000 Beschäftigten unter anderem einen nicht näher bezifferten «tatsächlichen Inflationsausgleich» sowie eine Erhöhung der Stundenlöhne um 1,20 Euro. Das bedeutet bei Löhnen von aktuell knapp unter 15 Euro bis gut 28 Euro pro Stunde eine Gehaltssteigerung um bis zu 14 Prozent. Die Arbeitgeberseite bietet bislang zwei Erhöhungsschritte in diesem und im nächsten Jahr von 3,2 und 2,8 Prozent und Einmalzahlungen von insgesamt 600 Euro an.

Für ZDS-Verhandlungsführerin Ulrike Riedel ist der Warnstreik verantwortungslos und inakzeptabel. Die Arbeitgeberseite habe ein Angebot vorgelegt, das die Verluste der Beschäftigten bei den Reallöhnen auffange. Dieses Angebot stehe auch im Einklang mit vielen anderen aktuellen Verdi-Tarifabschlüssen.

In Deutschlands größtem Hafen in Hamburg beteiligten sich nach Verdi-Angaben mehr als 1000 Beschäftigte an dem mehrstündigen Warnstreik. Allein bei den drei HHLA-Terminals machten fast 1000 Beschäftigte bei den Arbeitsniederlegungen mit, wie André Kretschmar der dpa sagte. Beim Konkurrenten Eurogate zählte die Gewerkschaft rund 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. «Alles steht», hieß es dort mit Blick auf die Abfertigung von Containerschiffen.

Im zweitgrößten deutschen Hafen Bremerhaven machten nach Gewerkschaftsangaben etwa 1000 Beschäftigte mit. An der Stromkaje wurden diesen Angaben nach in der Spätschicht keine Containerschiffe mehr be- oder entladen. «Die Brücken stehen alle still», sagte Tobias Uelschen von Verdi. Auch die Autoverladung war betroffen. Auch in Bremen und in Wilhelmshaven legten Beschäftigte die Arbeit nieder. Gleiches galt für Emden, wo die Autoverladung und die Abfertigung anderer Seeschiffe betroffen waren.

Niedersachsens Wirtschaftsminister und Jade-Weser-Ports-Aufsichtsrat Bernd Althusmann (CDU) appellierte derwel an Reedereien und Umschlagunternehmen, Wilhelmshaven stärker anzusteuern: «Die Kapazitäten sind da, um die Situation im Nadelöhr Elbe zu entschärfen und den Hafenstandort Deutschland weiterhin wettbewerbsfähig zu halten», sagte er der «Hannoverschen Allgemeinen Zeitung».

© dpa
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