KZ-Überlebender warnt vor «Krankheit Gleichgültigkeit»

28.06.2022 Als Gefangener im KZ Stutthof hat Marek Dunin-Wasowicz die Unmenschlichkeit der SS, aber auch die Gleichgültigkeit der Häftlinge erlebt. Als Zeuge im Prozess gegen eine frühere Sekretärin der Lagerkommandantur warnt er vor dem Vergessen - auch mit Blick auf aktuelle Ereignisse.

Die Angeklagte Irmgard F. sitzt im Gerichtssaal. © Christian Charisius/dpa/Pool/dpa/Archivbild

Im Itzehoer Prozess gegen eine frühere Sekretärin im KZ Stutthof hat ein polnischer Überlebender von unmenschlichen Bedingungen in dem Lager bei Danzig berichtet. Die ausgehungerten Gefangenen seien 1944 von der «Krankheit Gleichgültigkeit» befallen gewesen, sagte Marek Dunin-Wasowicz am Dienstag über eine Videoverbindung aus Warschau. Wenn sie mittags von der Arbeit zurück in das Lager bei Danzig gekommen seien, habe manchmal ein Galgen bereitgestanden. «Keiner dachte, es wird gleich jemand aufgehängt werden, sondern: Jetzt kriegen wir wieder nichts zu essen», sagte der 95-Jährige nach den Worten einer Dolmetscherin.

Angeklagte in dem Verfahren ist die 97 Jahre alte Irmgard F. Von Juni 1943 bis April 1945 soll sie als Zivilangestellte in der Kommandantur des deutschen Konzentrationslagers bei Danzig gearbeitet haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, durch ihre Schreibarbeit Beihilfe zum systematischen Mord an über 11.000 Gefangenen geleistet zu haben. Weil sie damals erst 18 bis 19 Jahre alt war, findet der Prozess vor einer Jugendkammer am Landgericht statt.

Dunin-Wasowicz berichtete, dass er im Zweiten Weltkrieg wie sein älterer Bruder und seine Eltern im polnischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer aktiv war. Im Mai 1944 sei er zusammen mit seinem Bruder nach Stutthof gebracht worden. Anfangs habe er schwere Waldarbeiten verrichten müssen. Es seien Bäume gerodet worden, um Platz für einen Ausbau des Lagers zu schaffen. Wer zu langsam arbeitete, sei vom Kapo - einem zum Aufseher ernannten Gefangenen - geschlagen worden.

Ein Mitgefangener und Arzt habe zu ihm gesagt: «Mein Sohn, die vernichten dich hier. Du musst irgendwas machen, dass du auf die Krankenstation kommst!» Er habe sich gezielt einen Baumstamm auf den Fuß fallen lassen. Mit zertrümmertem Fuß sei er auf die Krankenstube gekommen. Er habe dort über Wochen eine Suppe bekommen, die gefangene norwegische Polizisten aus täglichen Lieferungen des Roten Kreuzes gekocht hätten.

Ständig habe der Schornstein des Krematoriums gequalmt. Der Gestank nach verbrannten Leichen habe sich über das Lager ausgebreitet. Als Ende 1944 besonders viele Menschen starben, hätten die drei Verbrennungsöfen nicht mehr gereicht. Es sei ein «Scheiterhaufen» errichtet worden. Der Gestank habe ihn die ganze Zeit in Stutthof begleitet. «Den bemerkte man sogar noch, als ich nach dem Krieg ins (ehemalige) Lager gekommen bin.» Der 95-Jährige fügte hinzu: «In meinem Kopf, in meiner Seele gibt es das Lager immer noch.»

Dunin-Wasowicz war im Februar 1945 auf einem sogenannten Todesmarsch, auf den die Gefangenen von der SS getrieben wurden, die Flucht gelungen. In der heutigen Gedenkstätte Stutthof wird er als Zeitzeuge auf einer Tafel geehrt.

Seine Aussage bezeichnete Dunin-Wasowicz als Pflicht gegenüber den ermordeten Häftlingen, den Opfern von Stutthof. Sie solle zugleich eine Warnung vor neuem Faschismus und Antisemitismus in Europa sein. «Wir müssen daran erinnert werden und (dürfen) die mörderischen Handlungen, die dort passiert sind, nicht vergessen», sagte der 95-Jährige.

Ohne Russland und die Ukraine beim Namen zu nennen, erklärte der polnische KZ-Überlebende: «Ein starker Aggressor hat seinen Nachbarn überfallen, am frühen Morgen fallen Bomben auf Wohnhäuser, Schulen und Krankenhäuser.» Das erinnere sehr stark an den Kriegsbeginn von 1939.

Auf die Frage nach seiner Haltung zur Angeklagten sagte Dunin-Wasowicz, es mache keinen Unterschied, ob man als Wachmann mit einem Gewehr oder als zivil angestellte Sekretärin in Stutthof gearbeitet habe. «Hier wie da ging es um Menschenleben, wenn man Befehle und Anordnungen auf dem Gelände des KZs befolgt hat.» Er wolle keine Todesstrafe und keine Freiheitsstrafe. Aber die Angeklagte trage eine Schuld, für das, was sie dort gemacht habe. «Sie muss verurteilt werden.»

© dpa

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