KZ-Überlebende: Jüdinnen waren in Stutthof «Untermenschen»

Für die KZ-Überlebende Halina Strnad ist es eine moralische Pflicht, Zeugnis von Stutthof abzulegen. Im Prozess gegen eine ehemalige Sekretärin in der Lagerkommandantur berichtet sie von grenzenloser Gewalt und Grausamkeit. An die Angeklagte richtet sie einen Appell.
Die 97-jährige Angeklagte Irmgard F. wird in einem Rollstuhl an ihren Platz gefahren. © Ulrich Perrey/dpa/Archivbild

77 Jahre nach ihrer Gefangenschaft im Konzentrationslager Stutthof kann sich Halina Strnad an vieles nur verschwommen erinnern, an einiges aber noch sehr genau. Diese Bemerkung stellt die 95-Jährige am Dienstag ihrer Zeugenaussage im Prozess gegen eine ehemalige KZ-Sekretärin vor dem Landgericht Itzehoe voran. Dann berichtet die Nebenklägerin, die im September 1944 zusammen mit ihrer Mutter von Auschwitz in das Lager bei Danzig gebracht worden war, von ihren erschütternden Erfahrungen. «Ich wurde geschlagen, ich wurde getreten, ich wurde bespuckt», sagte sie per Videoschalte aus dem australischen Melbourne. Ihr sei als jungem Mädchen die Nase gebrochen worden. Für den Wurf eines Zettels mit einer Nachricht ins Männerlager von Stutthof sei sie blutig gepeitscht worden.

Angeklagt in dem Prozess ist die 97 Jahre alte Irmgard F. Sie soll von Juni 1943 bis April 1945 als Zivilangestellte in der Kommandantur des deutschen Konzentrationslagers gearbeitet haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, durch ihre Schreibarbeit Beihilfe zum systematischen Mord an über 11.000 Gefangenen geleistet zu haben. Sie hat sich zu den Vorwürfen bislang nicht vor Gericht geäußert.

Anfang 1945 seien innerhalb von zwei Tagen fast alle gefangenen Frauen in ihrer Baracke an Typhus erkrankt, auch sie selbst, erklärte Strnad, die nach dem Krieg Medizinforscherin wurde. Ihre Mutter sei in ihren Armen gestorben. Die vielen Toten seien in einer Grube verbrannt worden, wie sie von Mitgefangenen erfahren habe. Im Lager habe es ständig danach gestunken. «Ich kann mir nicht vorstellen, wie es möglich war, nicht zu wissen was passierte, da es diesen permanenten Gestank nach verbrannten Leichen gab», sagte Strnad nach den Worten einer Übersetzerin.

Einmal habe sie zusehen müssen, wie ein russischer Kriegsgefangener gehängt wurde. Der junge Mann habe mit einer wunderschönen Tenorstimme die russische Nationalhymne gesungen, bis sich die Schlinge um seinen Hals zuzog. Danach habe sie jahrelang Alpträume gehabt. Eine Mitgefangene habe in Stutthof eine Totgeburt gehabt. Andere gefangene Frauen hätten mit einer Scherbe die Nabelschnur durchgeschnitten. Die Frau sei verblutet. Sie habe die Aufgabe bekommen, das tote Kind mit einer Holzlatte in der Latrine zu versenken. Einige Tage später habe der Körper wieder auf den Exkrementen geschwommen. «Auch das ist viele Jahre in meinen Alpträumen aufgetaucht.»

In den Baracken im jüdischen Frauenlager seien sie anfangs so eng eingepfercht gewesen, dass sie nur im Hocken auf dem strohbedeckten Boden schlafen konnten. Doch schnell seien viele Insassen an Hunger und Krankheit gestorben, so dass mehr Platz da gewesen sei. Einmal habe eine Wächterin zwei hochrangigen Offizieren die Tür geöffnet und gesagt: «Da haben wir unsere Untermenschen!» Die Besucher hätten ihre Gesichter verzogen und seien schnell weggegangen, «weil wir so gestunken haben», sagte Strnad.

Anfang 1945 hätten die Wachmannschaften die Gefangenen auf einen Todesmarsch gedrängt und gedroht, sie zu erschießen. Doch zu ihr sagte ein Wachmann: «Das wäre eine Verschwendung einer Kugel, du wirst sowieso sterben.» Eine Mitgefangene habe einen entgleisten Eisenbahnwaggon gefunden, in dem sie sich zu dritt verstecken konnten. Ein deutscher Zivilist habe sie entdeckt und ihnen Essen gebracht. «Das einzige, was wir gesagt haben, war «danke»», sagte Strnad. «Mindestens drei Wochen hat er uns am Leben gehalten.» Eines Tages sei die Essenslieferung ausgeblieben, und am nächsten Tag hätten russische Soldaten sie gerettet.

Ihre Aussage habe sie gemacht, weil sie als Überlebende die Verpflichtung habe, Zeugnis abzulegen. Auf die Frage eines Nebenklagevertreters, ob nach ihrer Ansicht auch die Angeklagte diese Verpflichtung habe, sagte Strnad: «Das obliegt der Angeklagten und ihrem Gewissen. Aber das würde helfen zu bestätigen, was passiert ist.»

Der Prozess läuft seit dem 30. September 2021, das Gericht hat an 21 Tagen verhandelt. Ein Ende ist nicht absehbar. Nebenklagevertreter Markus Horstmann bekräftigte einen Antrag, nach dem das Gericht die Gedenkstätte Stutthof in Polen besuchen soll. Dafür sei genug Zeit, sagte Horstmann, denn es gebe Verhandlungstermine bis Ende November dieses Jahres. Eine Gerichtssprecherin bestätigte, dass weitere Termine bis in den späten Herbst vereinbart werden sollen.

© dpa
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