Ex-Wachmann hatte keinen Kontakt zu Zivilangestellten im KZ

Ein Dreivierteljahr lang verrichtet 1944/45 ein junger SS-Wachmann seinen Dienst im KZ Stutthof. Der fast gleichaltrigen Sekretärin des Lagerkommandanten will er damals nie begegnet sein. Im Prozess gegen die nun angeklagte Frau hat das Landgericht Itzehoe Mühe mit dem Zeugen.
Blick auf den Eingangsbereich des Landgerichts. © Marcus Brandt/dpa

Von August 1944 bis April 1945 ging der damals 18-jährige SS-Wachmann Bruno D. jeden Tag an der Kommandantur des Konzentrationslagers Stutthof vorbei zu seinem Dienst. Eine in dem Gebäude für KZ-Kommandant Paul Werner Hoppe arbeitende Sekretärin, nur gut ein Jahr älter als er, sei ihm nie begegnet. Das sagte Bruno D. am Dienstag als Zeuge im Prozess gegen Irmgard F. vor dem Landgericht Itzehoe. Hoppe habe er mal gesehen, «bei der Kantine irgendwie». Der 95-Jährige betonte: «Jedenfalls habe ich keinen Kontakt zu ihm gehabt oder zu jemandem von der Kommandantur.»

Die 97 Jahre alte Irmgard F. ist angeklagt, als Sekretärin Beihilfe zum systematischen Mord an über 11.000 Gefangenen geleistet zu haben. Sie soll von Juni 1943 bis April 1945 als Zivilangestellte in der Kommandantur des deutschen Konzentrationslagers bei Danzig gearbeitet haben. Die Angeklagte hat sich im Prozess bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert.

«Ich habe gar nicht gewusst, dass es dort Zivilangestellte gibt», sagte Bruno D., der in Begleitung seiner Tochter und seines Anwalts im Gerichtssaal erschien. Er habe zwar Frauen auf dem Gelände des Konzentrationslagers gesehen, aber das seien Angestellte der SS gewesen. «Zu denen haben wir nicht mal Kontakt gehabt.» Nach der Verhandlung bekräftigte sein Anwalt Stefan Waterkamp auf die Frage, ob sein Mandant der Angeklagten damals begegnet sei: «Die kannten sich nicht.» Bruno D. ist bereits rechtskräftig wegen Beihilfe zum Mord in über 5000 Fällen schuldig gesprochen worden. Das Landgericht Hamburg hatte ihn im Juli 2020 zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt.

Hauptzeuge im Prozess gegen Irmgard F. war bislang ein historischer Sachverständiger, den die Strafkammer an neun Verhandlungstagen gehört hat. Der KZ-Experte Stefan Hördler hat die Funktion der Zivilangestellten in Stutthof ausführlich dargestellt. Dabei erklärte er unter Berufung auf Zeugenaussagen von mutmaßlichen Kolleginnen der Angeklagten und von SS-Männern aus der Nachkriegszeit, dass das Wissen über die Massenmorde im Lager weit verbreitet war.

Bruno D. berichtete am Dienstag auf Fragen des Vorsitzenden Richters Dominik Groß von der Vergasung von Menschen in Stutthof. Es habe eine Gaskammer zum Desinfizieren von Kleidung geben. «Diese Kleiderkammer - so habe ich das mal gehört - soll mal zur Vernichtung von Menschen gewesen sein, dass Menschen dort vergast wurden.» Auf Nachfrage sagte der 95-Jährige, dass er einmal vom Wachturm aus gesehen habe, wie Menschen in die Gaskammer hineingeführt wurden. Er habe aber nicht beobachtet, dass sie wieder herausgekommen seien.

Von seinem Posten auf dem Turm habe er auch gesehen, dass jeden Morgen nackte Leichen aus den Baracken getragen und draußen «aufgestapelt» wurden. Dann hätten Häftlinge die Leichen auf Wagen gelegt und zum Krematorium gebracht. Wegen einer Epidemie habe es im Spätherbst 1944 besonders viele Tote gegeben. «Da wurde draußen im Gelände ein Scheiterhaufen gemacht, wo die Leichen verbrannt wurden.» Diese Beobachtungen hatte Bruno D. bereits in seinem Prozess als Angeklagter vor dem Landgericht Hamburg geschildert.

Auf die meisten Fragen des Richters antwortete der Zeuge: «Ich weiß das nicht.» Der 95-Jährige, der wie die Angeklagte in einem Rollstuhl saß, hatte Schwierigkeiten mit dem Hören und konnte sich an vieles nicht erinnern. Als die Staatsanwältin ihn jedoch fragte, wie er Soldat geworden sei, machte er detaillierte Angaben zu seiner Musterung. Er sei 1944 zum Grenadier-Ersatzbataillon 374 in Belgard/Pommern eingezogen worden, dann zum Landesschützen-Ersatzbataillon 2 nach Stettin gekommen und als Wehrmachtssoldat in Stutthof zwangsweise von der SS übernommen worden.

Weil die Angeklagte und der Zeuge nach rund zweistündiger Vernehmung erschöpft waren, konnte die Befragung von Bruno D. nicht abgeschlossen werden. Der ehemalige Wachmann soll nun zu einem weiteren Termin geladen werden, vermutlich aber erst im August.

© dpa
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