Gedenken für KZ-Häftlinge: Mit Stimmen von Ukrainern

04.05.2022 Jahrzehntelang wurde in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme Zehntausender sowjetischer Gefangener gedacht. Doch angesichts des russischen Kriegs gegen die Ukraine rücken andere Perspektiven in den Fokus. Auf einer Gedenkfeier spielen Stimmen aus der Ukraine eine wichtige Rolle.

Dorothee Stapelfeldt (SPD), Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen, spricht während der Gedenkfeier. © Marcus Brandt/dpa

Unter dem Eindruck des Angriffs auf die Ukraine haben am Dienstag mehrere Hundert Menschen der Häftlinge des Konzentrationslagers Neuengamme gedacht. 77 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs gab es in der Hamburger KZ-Gedenkstätte Neuengamme eine Gedenkfeier. Erstmals fand sie ohne Beteiligung offizieller Vertreter aus Russland und Belarus statt. Deren Anwesenheit halte die Hamburger Gedenkstätten-Stiftung für unzumutbar, sagte Vorstand Prof. Detlef Garbe. Er betonte jedoch: «Zugleich werden wir aber auch heute selbstverständlich die KZ-Opfer aus diesen Ländern ehren und Kränze für sie niederlegen.»

Der ukrainische Vizekonsul in Hamburg, Fedir Oleksiewitsch Sevrikov, legte einen Kranz am Mahnmal nieder. «Wir gedenken nicht nur der ukrainischen, sondern aller Opfer», sagte der Sprecher des Generalkonsulats, Alexander Blümel. Im Zweiten Weltkrieg seien acht Millionen Ukrainer umgekommen, unter ihnen 1,6 Millionen Juden. In Neuengamme hätten die Ukrainer die größte Häftlingsgruppe gebildet. «Es ist sehr schade, dass die Ukraine noch keinen eigenen Gedenkstein hat», sagte Blümel. Es gebe aber Gespräche dazu mit der Gedenkstätten-Stiftung und der Stadt Hamburg.

Unter den Teilnehmern der Gedenkveranstaltung waren auch mehrere Überlebende des Lagers. Die heute in den USA lebende Helga Melmed wurde 1928 in Berlin geboren. Sie berichtete, dass sie ab dem Alter von zwölf Jahren in verschiedene Konzentrationslager gebracht wurde. Eines davon sei das Neuengammer Außenlager Poppenbüttel gewesen. Melmed wandte sich gegen Hass und rief dazu auf, die Unterschiede in der Welt zu respektieren. «Vielleicht können wir es mit Liebe anstatt mit Hass probieren», sagte die KZ-Überlebende.

Es wurden auch die Botschaften mehrerer Ukrainerinnen und einer Exil-Russin verlesen. Die Moskauer Historikerin, von der nur der Vorname Evelina genannt wurde, erklärte: «Heute, am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Neuengamme, ist es unmöglich, zum Angriff Russlands auf die Ukraine zu schweigen.» Sie rief ihre ebenfalls ins Exil gegangenen Landsleute auf, den Menschen aus der Ukraine zu helfen.

Nach dem Verlesen eines Beitrags einer nach Hamburg geflüchteten Ukrainerin beschwerte sich eine Zuhörerin lautstark: «Entschuldigung, Sie können doch den Holocaust nicht mit dem Krieg in der Ukraine vergleichen!» Gemeinsam mit ihrem Begleiter und einigen weiteren Teilnehmern verließ die Frau die Veranstaltung dann unter Protest.

Die 68-jährige Ukrainerin hatte berichtet, dass ihr Onkel mit nur 20 Jahren in Neuengamme umgebracht wurde, ein zweiter Onkel sei mit 18 Jahren in Wernigerode (Sachsen-Anhalt) gestorben. Beide seien als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt worden. «Dies ist das Schicksal meiner Familie, die die Nazis im Zweiten Weltkrieg zerstören wollten. Und heute macht sich der russische Nazi Putin daran, das Gleiche wieder zu tun», schrieb die aus der Nähe der ukrainischen Stadt Saporischja stammende Frau.

Eine 1988 geborene Belarussin, die 2018/19 als Freiwillige in der Gedenkstätte arbeitete, erklärte: «Ich habe so viel über den Holocaust gelernt, aber erst jetzt verstanden, dass das Schlimmste dabei war und ist, dass die Anderen nur zuschauen.»

Der Präsident der französischen Sektion der von befreiten Häftlingen gegründeten Amicale Internationale, Jean-Michel Clère, plädierte für die Bewahrung der Demokratie «in unseren europäischen Nationen vom Atlantik bis zum Ural». Mit Blick auf die russische Invasion in der Ukraine mahnte Clère: «Die europäischen Nationen, die als erste den Drohungen ihres russischen Nachbarn ausgesetzt sind, dürfen sich weder erpressen lassen noch Angst vor einer Konfrontation haben.»

Im KZ Neuengamme und seinen 85 Außenlagern waren nach Angaben der Gedenkstätte mehr als 100 000 Menschen inhaftiert worden. Mindestens 42 900 kamen ums Leben. Der 3. Mai 1945 bedeutete für die Überlebenden die Befreiung aus der Gewalt der SS. Am selben Tag starben jedoch fast 7000 Häftlinge bei einem britischen Luftangriff auf Schiffe in der Lübecker Bucht. Die SS hatte die Gefangenen an Bord der «Cap Arcona» und der «Thielbek» gebracht. Was mit ihnen geschehen sollte, ist nicht geklärt. Ebenfalls am 3. Mai 1945 besetzten britische Truppen nach Verhandlungen kampflos Hamburg.

© dpa

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