Lästerlyriker zwischen den Stühlen: Hans Scheibner gestorben

25.05.2022 Er schrieb Hits wie «Schmidtchen Schleicher» und «Hamburg 75», hatte mit «scheibnerweise» eine eigene Sendereihe. Nun ist der Liedermacher und Kabarettist Hans Scheibner mit 85 Jahren gestorben.

Der Kabarettist Hans Scheibner kommt zur Trauerfeier für den verstorbenen Pianisten Gottfried Böttger in die St. Johannis-Kirche. © Daniel Bockwoldt/dpa/Bildarchiv

Der Hamburger Liedermacher und Kabarettist Hans Scheibner ist tot. Er starb am Montag (23.5.) im Alter von 85 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit, wie seine Familie am Mittwochabend der Deutschen Presse-Agentur (dpa) mitteilte.

Mit Songs wie «Ich mag so gern am Fließband stehn», seiner Sendereihe «scheibnerweise» (ab 1979 im Ersten) oder auch den NDR-Politsatiren «Walther und Willy» (2001-2006) hatte Scheibner bundesweit Erfolge gefeiert. Seine wohl größte Zeit erlebte der Sohn eines kleinen Speditionsunternehmers jedoch in der legendären «Hamburger Szene» der 1970er Jahre. So ermöglichte sein Text zu «Schmidtchen Schleicher» dem Sänger Nico Haak 1976 einen viel gesummten Top-Ten-Hit.

Bereits zwei Jahre zuvor hatte Scheibner für Gottfried und Lonzo von der «Rentnerband» die Hymne «Hamburg 75» verfasst. «Ich liebe Hamburg über alles», hatte der am 27. August 1936 geborene Träger der Biermann-Ratjen-Medaille der Hansestadt Hamburg anlässlich seines 80. Geburtstags der dpa gestanden. In der Stadt erlebte er als Kind die Bombennächte des «Feuersturm», später identifizierte er sich mit dem gern gepflegten Understatement ihrer Einwohner. In Hamburg wirkten einst auch seine Vorbilder Heinrich Heine (1797-1856) und Joachim Ringelnatz (1883-1934).

Scheibners Titellied seiner LP «Achterndiek» geriet nicht nur in Brokdorf zum Hit der Anti-Atomkraft-Bewegung. Immer wieder sorgte der Künstler allerdings selbst für Karriereknicks. So verglich er 1985 in der NDR-Talkshow Soldaten mit Mördern, woraufhin «scheibnerweise» für längere Zeit abgesetzt wurde. Dabei erschien der Satiriker, der gern auch Alltägliches und Zwischenmenschliches («Wer nimmt Oma?») aufs Korn nahm, den Linken oft zu konservativ und Konservativen zu links. Ein «humanistisches Menschenbild» habe er sich durch Lektüre von Sokrates und Platon bis zu Lessing und Kierkegaard angeeignet, erklärte Scheibner der dpa.

Kirche und Religion hat er genauso abgeschworen wie später dem zeitgeistkonformen Marxismus. Kritisches Bewusstsein und Lebensgenuss schlossen sich nie aus für den Künstler, der seit 1990 in zweiter Ehe mit der Schauspielerin Petra Verena Milchert verheiratet und begeisterter später Vater von vier Töchtern war. Nun starb er zu Hause im Kreise seiner Familie.

© dpa

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