Steinmeier warnt vor einer Abkehr Deutschlands von der Welt

03.07.2022 Deutschland darf sich nicht von der Welt abwenden, sollte vielmehr neue Freihandelsabkommen abschließen und sich vernetzten, sagt Bundespräsident Steinmeier. Als Ort seiner Mahnung hat er sich den Übersee-Club ausgesucht, eine 100-jährige Denkfabrik in Hamburg.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. © Britta Pedersen/dpa/Archivbild

Angesichts der zahlreichen Krisen in der Welt hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor einem Rückzug Deutschlands ins Innere gewarnt. «In einer Zeit, in der einige schon das Ende der Globalisierung prophezeien und andere es herbeisehnen, will ich eines ganz klar sagen: Wir dürfen uns jetzt nicht in den eigenen Hafen zurückziehen, das Tor zur Welt zumauern und von Autarkie träumen», sagte Steinmeier am Sonntag in Hamburg beim Festakt zum 100. Geburtstag des Übersee-Clubs.

Auch in Zukunft gelte: «Wir können unseren Wohlstand nur erwirtschaften, unsere Arbeitsplätze nur erhalten, unseren Sozialstaat nur finanzieren, wenn wir ein Industrie- und ein Exportland bleiben.» Dass ein rohstoffarmes Land wie Deutschland zur viertgrößten Wirtschaft der Welt habe aufsteigen können, sei nur durch die Internationalisierung zu erklären, betonte das Staatsoberhaupt vor rund 900 Gästen in der Laeiszhalle.

Mit Blick auf den 1922 gegründete Übersee-Club sagte er, dieser erlebe unter dem Druck der aktuellen Ereignisse so etwas wie seine zweite Gründung. «Denn gerade jetzt brauchen wir Foren wie dieses, in denen wir uns orientieren können, wie und mit wem wir die Globalisierung der Zukunft gestalten wollen.»

Der vom Bankier Max M. Warburg gegründete Übersee-Club gilt als eine viel beachtete Denkfabrik, die sich für Demokratie, Toleranz und Völkerverständigung einsetzt. So haben dort laut Übersee-Club alle Bundeskanzler, alle Hamburger Bürgermeister und fast alle Bundespräsidenten Reden gehalten. Insgesamt seien seit 1922 mehr als 1800 Reden gehalten worden, sagte Übersee-Club-Präsident Michael Behrendt.

Auch internationale Gäste wie der Ökonom John Maynard Keynes, der Friedensnobelpreisträger Jassir Arafat oder die französischen Präsidenten Charles de Gaulle, Valery Giscard d'Estaing und François Mitterand traten im Club auf - weshalb auch Frankreichs amtierender Präsident Emmanuel Macron beim Festakt mit einer Rede gratulierte, die vom französischen Generalkonsul in Hamburg, Frédéric Joureau, vorgetragen wurde.

Steinmeier plädierte angesichts der hohen Abhängigkeiten Deutschlands von einigen Ländern für neue Freihandelsabkommen. «Vernetzung ausbauen, Verwundbarkeit abbauen, genau das muss die Maxime unseres Handelns sein und werden», sagte er. Es sei ein Comeback der Freihandelsabkommen nötig. «Freihandelsabkommen neuen Typs müssen Handels- und Nachhaltigkeitspolitik miteinander verschränken.» Wenn Deutschland die Globalisierung nicht mit ehrgeizigen Handelsabkommen gestalte, würden andere Länder es mit ihren eigenen, niedrigeren Standards tun, warnte der Bundespräsident.

Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) erinnerte an die Bedeutung der maritimen Wirtschaft beim Handel. «Das gilt für die deutschen Exporte, die zu zwei Dritteln über den Seeweg erfolgen, und es gilt für den Import von Rohstoffen und Waren, die für unsere Unternehmen und das tägliche Leben notwendig sind.» Deshalb müssten die norddeutschen Häfen eine große politische Beachtung und Unterstützung haben - in Hamburg und im Bund.

© dpa

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