Jugendliche wegen antisemitischen Angriffs vor Gericht

Bei einer Mahnwache gegen Antisemitismus wird ein 61-jähriger Mann erst beleidigt und dann ins Gesicht geschlagen. Jetzt müssen sich zwei Brüder aus Berlin für den Angriff vor Gericht verantworten.
Demonstranten halten ein Plakat mit der Aufschrift „Im Zweifel für den Antisemitismus?" in die Höhe. © Axel Heimken/dpa

Gut neun Monate nach einem Angriff auf eine Mahnwache gegen Antisemitismus hat am Freitag vor dem Amtsgericht Hamburg der Prozess gegen zwei Jugendliche begonnen. Einem 17-Jährigen und seinem 15 Jahre alten Bruder wird vorgeworfen, Teilnehmer der Mahnwache für Israel im September vergangenen Jahres antisemitisch beleidigt zu haben. Der ältere Bruder muss sich zudem wegen Körperverletzung verantworten. Er soll einem Versammlungsteilnehmer mit der Faust ins Gesicht geschlagen und ihn erheblich verletzt haben. Die beiden Brüder aus Berlin waren wenige Tage nach der Tat anhand von Videoaufzeichnungen von der Polizei identifiziert worden.

Die Hauptverhandlung vor dem Amtsgericht Hamburg findet aufgrund des Alters der Angeklagten unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Vor dem Beginn der Verhandlung äußerte sich das 61-jährige Opfer, das als Nebenkläger auftritt. «Die Jugendlichen haben uns zunächst gefilmt, dann beleidigt und "Free Palästina" und "Scheiß Juden!" gerufen», sagte der 61-Jährige, der noch immer eine Augenklappe auf seinem rechten Auge trägt. Er habe mit den Jugendlichen reden wollen, habe dann aber sofort einen Faustschlag ins Gesicht bekommen und sei zu Boden gegangen. Noch heute könne er auf dem rechten Auge nichts mehr sehen und nur hell und dunkel unterscheiden.

Insgesamt sei er drei Mal operiert worden, da auch sein Nasenbein, sein Jochbein und der Knochen unter dem Auge gebrochen waren. Damit sein rechtes Auge nicht absacke, sei ihm eine Schiene unter das Auge eingesetzt worden. Seit dem Vorfall könne er schlecht schlafen und habe Panikattacken. Seine 80 Jahre alte Mutter habe das Foto gemacht, mit dem die mutmaßlichen Täter später identifiziert wurden. «Ich hoffe auf ein gerechtes Urteil», sagte der 61-Jährige. «Ich hoffe, dass er nicht einfach so locker davonkommt.»

Der Antisemitismus-Beauftragte der Stadt Hamburg, Stefan Hensel, wollte den 61-Jährigen eigentlich bei der Verhandlung begleiten. «Hier haben wir einen sehr klaren Fall von Antisemitismus», sagte Hensel. «Das Opfer hat auch darum gebeten, dass ich es begleite.» Die Richterin habe seinen Antrag jedoch abgelehnt. Begründung: Man könne noch gar nicht davon ausgehen, dass es sich um eine antisemitische Straftat handelt. Für den Prozess und seine Arbeit sei es jedoch enorm wichtig, dass er von Anfang an dabei sei. Zum Beispiel sei es wichtig, ob der Angeklagte bei seiner Erstvernehmung «Yahut» - das arabische Wort für Jude - gesagt habe, sagte Hensel.

«Viele Juden in Hamburg sind weitgehend unsichtbar, weil die Menschen zu Recht Angst haben, sich zu bekennen», sagte Hensel. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch Leon Mahncke vom Jungen Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG). Einige Mitglieder der Organisation hielten vor dem Gerichtsgebäude ein Transparent mit der Aufschrift «Im Zweifel für den Antisemitismus?» hoch. «Bei bestimmten Formen des Antisemitismus, der nicht klassisch rechtsradikal ist, sowohl aus dem linken oder eher künstlerisch angehauchten Spektrum wie jetzt auf der documenta, als auch aus dem islamistischen, hat man Schwierigkeiten, darüber zu sprechen», sagte Mahncke.

© dpa
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