Studie zeigt Einschränkungen bei Windenergiefläche im Norden

Windenergie ist ein entscheidender Schlüssel zur Energiewende. Schleswig-Holstein gilt dabei als Vorbild. Doch ausgerechnet der Trend zu immer größeren und leistungsfähigeren Anlagen wird bei den geltenden Vorschriften zum Problem.
Windkraftanlagen verschiedener Hersteller drehen sich hinter einem blühenden Rapsfeld in einem Windpark. © Jens Büttner/dpa

Mit der schleswig-holsteinischen Rolle als Musterschüler bei der Windenergie in Deutschland könnte es nach einer Studie bald vorbei sein. Grund ist ausgerechnet die technische Weiterentwicklung mit immer größeren und leistungsfähigeren Anlagen bei unveränderten Vorschriften.

Bestehende Vorschriften sorgen dafür, dass von den gut zwei Prozent der für Windenergie vorgesehen Landesfläche langfristig nur noch etwa die Hälfte genutzt werden kann, wie aus der am Mittwoch vorgestellten Untersuchung des Fraunhofer-Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik (IEE) hervorgeht. Das IEE hat die Situation im Auftrag des Bundesverbands Windenergie (BWE) untersucht. «Zwei Prozent sind nicht gleich zwei Prozent», sagte Carsten Pape vom IEE. Für das Zwei-Prozent-Ziel der Bundesregierung müssten neue Flächen bereitgestellt werden.

Der Leiter der BWE-Landesgeschäftsstelle Schleswig-Holstein, Marcus Hrach, forderte Änderungen der Vorschriften. Da neue Anlagen deutlich größer seien als alte, könnten viele Standorte beim Repowering, also dem Erneuern von Anlagenteilen, nicht mehr genutzt werden. Kleine Windenergieanlagen seien auf dem Weltmarkt aber kaum noch zu bekommen und sie seien weniger wirtschaftlich. Um klimaneutral werden zu können, müssten künftig mehr als zwei Prozent des Landes als Vorrangflächen für Windenergie ausgewiesen werden, sagte Hrach. Der Studie zufolge könnten in Schleswig-Holstein sogar mehr als fünf Prozent benannt werden. Das sei aber nicht das Ziel.

Das Thema Windenergie hatte auch eine große Rolle im Wahlkampf gespielt. Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) hatte kurz vor der Wahl bei einem Branchentreffen in Husum Forderungen nach einer Flächenausweitung zurückgewiesen und gesagt, mit Repowering gehe man bereits über zwei Prozent hinaus. Der mühsam errungene gesellschaftliche Konsens dürfe nicht gefährdet werden.

Das Ziel der Landesregierung, bis 2025 bei der Windenergie an Land eine Leistung von 10.000 Megawatt zu erreichen, ist nach Papes Untersuchung realistisch. Bis 2030 könnte dieser Wert unter unveränderten Rahmenbedingungen dann aber wieder auf knapp 9700 Megawatt sinken.

Hrach forderte, bereits jetzt mit einer neuen Flächenplanung bis zum Jahr 2035 zu beginnen, denn dieser Prozess werde voraussichtlich bis 2028 dauern. «Schleswig-Holstein kann sich nicht zurücklehnen.» Es drohe eine erneute Stagnation beim Aufbau der Windenergie. Die Weichen zur Klimaneutralität müssten jetzt gestellt werden.

Anders als in anderen Ländern gilt in Schleswig-Holstein das Prinzip «Rotor in». Das heißt, die Flügelspitzen müssen innerhalb des ausgewiesenen Gebiets bleiben. Beim Prinzip «Rotor out» muss nur das Turmfundament in dem Gebiet stehen. Je größer die Anlagen werden, desto mehr Fläche gehe dadurch verloren, kritisierte Hrach. Die von der Bundesregierung geforderten zwei Prozent beziehen sich nach Papes Angaben auf eine Planung «Rotor out».

Ähnliches gilt für Abstandsregeln zu Wohngebäuden in Anhängigkeit von der Anlagenhöhe. Je höher die Anlagen werden, desto mehr müssten sie in den ausgewiesenen Flächen nach innen rücken. Nach Hrachs Überzeugung sind solche Abstandsvorgaben nicht nötig, weil das Immissionsschutzrecht ohnehin eingehalten werden muss.

© dpa
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