HSV-Dilemma: Team im Aufbruch, Führung im Niedergang

So gesehen ist der HSV derzeit ein Verein in Konstanz: Die Mannschaft steigert sich, der Führungsstreit auch. Wie lange geht das aber gut? Ist Kühnes Angebot eine Chance? Was sagt der Aufsichtsrat?
Ein Fußball liegt vor der Partie im Netz. © Friso Gentsch/dpa/Symbolbild

Wenigstens sportlich läuft es beim Hamburger SV. Die Mannschaft hat im Rennen der 2. Fußball-Bundesliga mittlerweile ihren Kurs gefunden und mit dem 2:0 bei Bundesliga-Absteiger Arminia Bielefeld nach Punkten zu den Aufstiegsplätzen aufgeschlossen. Die Vereinspolitik jedoch ist ein chaotisches Gegeneinander mit einem Wust aus Einzelinteressen, die weniger mit dem Wohl des Vereins zu tun haben als vielmehr mit persönlichen Eitelkeiten und wirtschaftlichen Pfründen. Man hat den Eindruck, der selbstzerstörerische HSV alter Prägung ist wieder auferstanden.

In dieser zerrütteten Phase hat die Aufsichtsratssitzung am Freitagabend wenig zur Konfliktlösung beigetragen. Zumindest eine erfreuliche Botschaft gab es: Trainer Tim Walter und Sportvorstand Jonas Boldt können shoppen gehen. Die mindestens fünf Millionen Euro, die es aus Beteiligungen am Weiterverkauf der ehemaligen HSV-Profis Amadou Onana vom OSC Lille zum FC Everton und Filip Kostic von Eintracht Frankfurt zu Juventus Turin gibt, dürfen zum Teil ausgegeben werden. Der HSV will Flügelspieler Jean-Luc Dompé vom belgischen Erstligisten SV Zulte Waregem verpflichten. Der Franzose soll eine Ablöse von rund 1,5 Millionen Euro kosten.

Doch was ist mit der Stadionsanierung, was mit dem Zehn-Punkte-Forderungskatalog von Investor Klaus-Michel Kühne? Was ist mit dem Zerwürfnis zwischen Sportvorstand Boldt und Finanzvorstand Thomas Wüstefeld? Wie kommt der Verein selbstbestimmt aus der Führungskrise?

Nach Informationen der Deutsche Presse-Agentur sollen die Stadionsanierungs- und -modernisierungspläne Wüstefelds genehmigt worden sein. Die erste Phase mit einem Umfang von 20 bis 24 Millionen Euro zur Sicherung des Spielbetriebs und zur Schaffung der Grundvoraussetzungen für die fünf Partien der Fußball-EM 2024 soll demnächst beginnen. Schwerpunkt ist die Erneuerung der maroden Dachmembran, die zehn bis 14 Millionen Euro verschlingen soll. Derzeit wird die rund 40 000 Quadratmeter große Fläche bei Sturm und Schnee als lebensgefährlich eingestuft.

Laut «Hamburger Abendblatt» und «Kicker» ist ein geplanter Abwahlantrag eines Kontrolleurs gegen Wüstefeld bei der Aufsichtsratssitzung am Freitag zurückgezogen worden. Wüstefeld, der dauerhaft im Vorstand bleiben möchte, ist im Januar dieses Jahres bis zum 31. Dezember in das operative Gremium berufen worden. Eine längere Nebeneinander-Arbeit mit Boldt über das Jahresende hinaus ist kaum vorstellbar. Danach soll Wüstefeld, der 5,07 Prozent der HSV-Aktien über seine Calejo GmbH hält und dessen Entscheidungen im Verein folglich auch von Eigeninteressen geprägt sind, zurück in den Aufsichtsrat. Der ist mit sieben Mitgliedern aber voll.

Medizintechnik-Unternehmer Wüstefeld streitet derweil mit Kühne, ob der ihn beim Kauf eines HSV-Aktienpakets über den Tisch gezogen hat. Das Ganze könnte vor dem Richter enden. Nur: Ein vom HSV verursachtes Thema ist das nicht, auch dann nicht, wenn Stadionräumlichkeiten zur Verkündung von Ansichten und Vorgehensweisen in dieser Frage missbraucht werden.

Ganz anders verhält es sich mit Kühnes Forderungskatalog: Ich gebe 120 Millionen Euro, ihr gebt mir Macht - und ich sage euch, wo es langgeht. Kühnes Kalkül: Der HSV muss die Kröte schlucken, weil er klamm, sehr klamm ist. Der Aufsichtsrat hat dagegen die Hoffnung, den in der Schweiz lebenden Hamburger friedlich zu stimmen und ihm Zusagen für Teile seines Angebots abzuringen, ohne seine Machtforderungen umsetzen zu müssen.

HSV-Idol Felix Magath, der aufgrund seines Tors beim Europacupsieg 1983 Heldenstatus genießt, sieht den Kühne-Plan als «Riesenchance für den Verein» an. «Ihm blutet genauso wie mir das Herz, den HSV so lange schon in der 2. Liga spielen zu sehen. Dass Herr Kühne bei so einer hohen Investition Mitspracherecht und Kontrolle einfordert, ist verständlich», sagte Magath der «Bild»-Zeitung.

Die Fans warteten nicht auf den Aufsichtsrat, bis der sich positioniert. «In der Satzung verankert. 75+1 unverhandelbar, Kühne verpiss dich», stand in Bielefeld auf einem Banner. Da half selbst Kühnes Köder nicht, bis zu 40 Millionen Euro zu zahlen, damit die Arena in den nächsten zehn Jahren Uwe-Seeler-Stadion heißen kann.

Die Fans beharren mehrheitlich auf 75,1 Prozent Aktienbesitz des e.V. an der Fußball-AG. Sie wollen sich der Quasi-Herrschaft des Milliardärs nicht unterwerfen. Kühne fordert 39,9 Prozent der Anteile, der e.V soll auf 50+1 Prozent schrumpfen. Der 85-Jährige will mit einem zusätzlichen Machtgremium und weiteren Vertretern im Aufsichtsrat die Vereinspolitik dominieren. Möglich wäre das nur, wenn die Mitglieder die Satzung ändern. Unrealistisch, dass sich eine notwendige Dreiviertelmehrheit für die Kühne-Forderungen erwärmt.

Uneins sind die Fans dagegen beim Stadionnamen. Viele sympathisieren eher mit einer Uwe-Seeler-Straße vor dem Stadion denn einer Umbenennung der Arena. Ihnen geht Tradition über alles: Deshalb soll das Volksparkstadion auf ewig auch so heißen.

© dpa
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