Ursache des Fischsterbens weiter unklar - Tourismus leidet

Am Stettiner Haff wächst die Sorge, dass verseuchtes Wasser die Ostsee erreichen könnte. Der Tourismus in der Region leidet zunehmend unter der Umweltkatastrophe. Die Suche nach deren Ursache geht weiter.
Tote Fische haben sich im deutsch-polnischen Grenzfluss Westoder auf der Wasseroberfläche gesammelt. © Patrick Pleul/dpa

Erstmals gibt es nach der Umweltkatastrophe in der Oder offizielle Angaben zum bisherigen Ausmaß des Fischsterbens in Deutschland: Nach Schätzungen sind dort bereits rund 36 Tonnen verendete Fische gefunden worden, wie das Bundesumweltministerium am Mittwoch unter Berufung auf Helfer und Landkreise in Brandenburg mitteilte. Die Ursache hingegen ist nach wie vor unklar. Allein in Polen hatte die Feuerwehr nach eigenen Angaben bis Dienstag fast 100 Tonnen tote Fische aus dem Grenzfluss und einem kleineren Fluss geborgen. Und während freiwillige Helfer mit Gummistiefeln, Anzügen, Handschuhen und Schutzbrillen Fisch für Fisch aus der Oder ziehen, fürchten die betroffenen Regionen gravierende Folgen für den lokalen Tourismus.

Es gebe viel weniger Tagesausflüge und auch Menschen, die Reisen auf dem Oder-Neiße-Radweg noch nicht fest geplant hätten, nähmen gegenwärtig davon Abstand, sagte die Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Seenland Oder-Spree, Ellen Russig, am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur.

In dem Verband ist auch der besonders betroffene Landkreis Märkisch-Oderland, der auf einer Länge von rund 80 Kilometern an der Oder zur Grenze nach Polen liegt. «Die Umweltkatastrophe wird langfristig Auswirkungen haben, wo wir gegensteuern müssen», machte Russig klar. Betroffen seien unter anderem der Angeltourismus und Kanu-Ausflüge.

Bei der Tourist-Information Oderbruch und Lebuser Land stehen seit Bekanntwerden der Umweltkatastrophe die Telefone nicht mehr still, wie die Leiterin Angelika Fuchs am Mittwoch berichtete. Zahlreiche Menschen, die Ausflüge geplant haben, erkundigten sich nach der Lage und ob es an der Oder gefährlich sei. Es gebe aber auch eine große Solidarität. «Ganz, ganz viele Menschen machen sich Gedanken und fragen, wie sie helfen können.»

Fürs Baden in der Ostsee sah der Landkreis Vorpommern-Greifswald am Mittwoch aber keine Gefahr. «An den Ostseestränden der Sonneninsel Usedom herrschen weiter beste Badebedingungen», erklärte Landrat Michael Sack (CDU). Der Landkreis sei von der Situation in der Oder bisher nicht betroffen, hieß es in einer Mitteilung.

Dennoch warnt der Landkreis weiterhin davor, das Wasser des deutschen Teils des Haffs zu nutzen. Vom Angeln, Fischen und der Wasserentnahme wird abgeraten. Die Schweriner Landesregierung rät zudem vom Baden ab, da man trotz fehlender konkreter Hinweise gesundheitliche Schädigungen nicht ausschließen könne. Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus unterstrich aber, dass im deutschen Teil des Stettiner Haffs bislang weder Fischkadaver noch ungewöhnliche Messwerte entdeckt worden seien.

Die Oder mündet in das Stettiner Haff, durch das die deutsch-polnische Grenze verläuft und das mit der Ostsee vor Usedom verbunden ist. Das Mündungsgebiet ist weit verzweigt und das Haff mit rund 900 Quadratkilometern etwa doppelt so groß wie der Bodensee.

Auf der Suche nach der Ursache für die rätselhafte Umweltkatastrophe hatten Forscher auch am Mittwoch weiter eine giftige Algenart im Blick, die sich im Fluss rasant entwickelt hat. Mittlerweile sei die Mikroalge mit dem Namen Prymnesium parvum identifiziert worden, sagte der Gewässerökologe Christian Wolter der Deutschen Presse-Agentur. Unklar sei nach wie vor, ob das Toxin der Alge der Grund für das Fischsterben in der Oder sei.

Ob sie in diesem Fall Giftstoffe produziert hat, müsse noch nachgewiesen werden, betonte der Forscher des Berliner Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei. Er sprach von einer massiven Algenblüte mit 200 Mikrogramm pro Liter und mehr als 100.000 Zellen pro Milliliter Wasser. Für den Menschen sei das Toxin der Alge aber ungefährlich.

Im Rahmen ihrer Ermittlungen zu möglichen Ursachen für das Fischsterben vernahm die polnische Staatsanwaltschaft bislang 228 Zeugen. Die Ermittler hätten zudem zwölf Ortsbesichtigungen an unterschiedlichen Flussabschnitten vorgenommen, sagte Vize-Generalstaatsanwalt Krzysztof Sierak. «Aus den bisherigen Aktivitäten geht nicht hervor, was die Ursache für das massive Fischsterben war.»

Die Brandenburger Landesregierung geht nach wie vor davon aus, dass das Fischsterben nicht nur natürliche Ursachen hat. «Das können wir getrost ausschließen, sonst würden sich die hohen pH-Werte und der erhöhte Sauerstoffgehalt und vieles andere mehr nicht erklären», sagte Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) in Beelitz.

Woidke erneuerte zugleich seine Kritik an der Kommunikation mit der polnischen Seite. «Es ist Tatsache, dass sechs Tage, bevor bei uns Fische gestorben sind, Fische in Polen gestorben sind - und wir wurden nicht informiert.» Daher sei er «tief enttäuscht» von der polnischen Regierung. Polen wäre auf Grund internationaler Verträge verpflichtet gewesen, frühzeitig zu informieren.

Nicht nur in Deutschland beklagten Politiker die schlechte Informationspolitik polnischer Behörden. Auch im Land selbst wächst der Unmut über das schlechte Krisenmanagement der PiS-Regierung. Die Opposition, Naturschützer und Bürger warfen ihr Passivität und Arroganz der Macht vor.

© dpa
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