Fischsterben: Lemke setzt auf Zusammenarbeit mit Polen

Wer und was ist schuld am Fischsterben in der Oder? Nach breiter öffentlicher Kritik setzt Bundesumweltministerin Steffi Lemke auf die Kooperation mit der polnischen Seite. Bislang scheint die Aufklärung des als Umweltkatastrophe bewerteten Fischsterbens zäh.
Steffi Lemke (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesumweltministerin, informiert sich über die Umweltkatastrophe am deutsch-polnischen Grenzfluss Oder. © Patrick Pleul/dpa/Archivbild

Deutschland und Polen wollen das Fischsterben in der Oder nach den Versäumnissen der vergangenen Tage gemeinsam aufklären, rätseln aber weiter über die Ursache. Bei Laboruntersuchungen von verendeten Fischen aus dem Fluss sind nach Angaben von Polens Regierung bislang keine toxischen Substanzen entdeckt worden. Die Fische seien auf Quecksilber und andere Schwermetalle untersucht worden, sagte Polens Umweltministerin Anna Moskwa am Sonntag in Stettin bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne).

In den kommenden Stunden würden die Proben der Fische auf weitere 300 schädliche Stoffe untersucht, darunter auch auf Pestizide. Zudem sollen Fischleichen seziert und das Verhalten der Fische kurz vor ihrem Verenden untersucht werden. Festgestellt worden sei bisher ein ein erhöhter Sauerstoffgehalt in dem Fluss.

Lemke sagte, man habe lösungsorientiert diskutiert und «gute und gemeinsame Schritte» vereinbart. Dazu zählen insbesondere Verbesserungen bei den Informationsketten. Hier habe es in den vergangenen Tagen Versäumnisse gegeben. Die deutsche Seite sei zunächst durch Angler über das Fischsterben informiert worden. Lemke hatte zuvor NDR Info gesagt, die Regierung des Nachbarstaats habe eingeräumt, dass Informationen zu der Umweltkatastrophe auch innerhalb Polens nicht weitergegeben worden seien: «Uns haben diese Informationen noch viel später erreicht.»

Ziel sei nun die Schadensminimierung, die Information und der Schutz der Bevölkerung sowie die Identifizierung des Verursachers. «Es ist klar, dass wir uns einer wirklich schlimmen Umweltkatastrophe gegenübersehen», sagte die Ministerin. Die mittel- und langfristigen Auswirkungen seien noch nicht absehbar.

Das Fischsterben in der Oder beunruhigt seit Tagen die Menschen, die in Polen und Deutschland an dem Grenzfluss leben. Polnische Behörden hatten nach Regierungsangaben bereits Ende Juli erste Hinweise darauf bekommen, dass in dem Fluss massenweise verendete Fische treiben.

Am Montag werden in Brandenburg weitere Labor-Ergebnisse erwartet. Geprüft wird unter anderem, ob ein erhöhter Salzgehalt im Wasser im Zusammenhang mit dem Fischsterben steht.

Zur Aufklärung des als Umweltkatastrophe bewerteten Fischsterbens setzte Polen eine Belohnung von mehr als 200.000 Euro aus, da auch für möglich gehalten wird, dass zum Beispiel chemische Abfälle in die Oder gekippt wurden. Bei dem Treffen am Sonntagabend in Stettin waren auch die Landesumweltminister von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern dabei sowie Polens Infrastrukturminister Andrzej Adamczyk. Er betonte, dass derzeit an verschiedenen Stellen Auffangbarrieren errichtet werden, um die Fischmassen abzufangen.

Mittlerweile sind auch die Menschen an der Ostsee in Sorge. Dem Umweltministerium in Mecklenburg-Vorpommern zufolge sind bisher aber keine Fischkadaver im deutschen Teil des Stettiner Haffs entdeckt worden. «Bislang hat die Wasserschutzpolizei keine Kadaver gesichtet, auch Anwohner haben uns bislang nichts Derartiges gemeldet. Dennoch sind wir weiterhin in Alarmbereitschaft und beobachten die Situation vor Ort genauestens», sagte Landesminister Till Backhaus (SPD) am Sonntag in Schwerin.

Im Oder-Grenzgebiet in Brandenburg sammelten am Wochenende Hunderte Helfer tote Tiere ein. Am Ufer in der Kleinstadt Lebus im Kreis Märkisch-Oderland breitete sich am Samstag durch die Verwesung unangenehmer Geruch aus, wie ein dpa-Reporter berichtete. Zu sehen war auch, wie Vögel mit toten Fischen wegflogen. Einsatzkräfte trugen Gummistiefel und Handschuhe, um sich vor direktem Kontakt mit dem Wasser und den Fischen zu schützen. «Ich rechne mit mehreren Tonnen Fisch, die wir rausholen», sagte am Freitag Thomas Rubin für die Kreisverwaltung.

Die Bürgermeisterin von Schwedt an der Oder, Annekathrin Hoppe (SPD), bezeichnete das Fischsterben als Umweltkatastrophe nie dagewesenen Ausmaßes. Vertreter des Nationalparks Unteres Odertal befürchten, dass sich die Auswirkungen noch Jahre hinziehen könnten. Derweil forderte der Linke-Bundestagsabgeordnete Christian Görke, der Bund solle finanzielle Hilfe für betroffene Städte und Betriebe zusagen.

Nach Angaben von Brandenburgs Umweltminister Axel Vogel (Grüne) weist die Oder «sehr stark erhöhte Salzfrachten» auf. Das sind im Wasser gelöste Salze. Dem Landesministerium zufolge könnte dies in Zusammenhang mit dem Fischsterben stehen. «Nach jetzigen Erkenntnissen wird es jedoch nicht ein einziger Faktor sein, der das Fischsterben in der Oder verursacht hat.»

Regierungschef Mateusz Morawiecki reagierte bereits auf die Kritik an Regierung und Behörden, Informationen nicht rechtzeitig weitergegeben zu haben. Am Freitagabend entließ er die Leiter der Wasserbehörde und der Umweltbehörde. Er selbst habe erst am Mittwoch von dem massiven Fischsterben erfahren. «Ich wurde auf jeden Fall zu spät informiert.»

© dpa
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