«Nicht mit uns»: Mehrere Hundert Charité-Ärzte im Warnstreik

Zum ersten Mal seit 15 Jahren sind die Ärzte und Ärztinnen der Berliner Charité in den Warnstreik getreten. Lautstark haben sie sich auf einer Kundgebung Gehör verschafft - die Stimmung ist gereizt.
Ärzte stehen bei einem eintägigen Warnstreik des Marburger Bunds an der Charité mit einem Schild mit der Aufschrift "Das System ist krank". © Fabian Sommer/dpa

Oft sehe sie ihre Tochter tagelang nicht, erzählt Thuy Le Phan. Und wenn, dann weine sie nur. «Liebe Charité, gebt mir meine Tochter wieder!», stand auf dem Plakat, das Phan am Mittwoch vor der Charité in Berlin hochhielt. Ihre Tochter ist Ärztin an dem Klinikum und gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen in den Warnstreik getreten. Auch ihre Eltern kamen als Unterstützung zur Kundgebung. «Die Charité hat so einen guten Namen, warum sind die Arbeitsbedingungen so schlecht?», fragte Phan.

Für eine bessere Bezahlung und verträglichere Arbeitsbedingungen traten mehrere Hundert Ärzte und Ärztinnen der Charité in einen Warnstreik - und das zum ersten Mal seit 15 Jahren. Laut Gewerkschaft nahmen rund 1000 Menschen an der Kundgebung teil. Die Charité gilt als Europas größte Universitätsklinik. Ein Notdienst sollte nach Gewerkschaftsangaben sichergestellt werden.

Viele der Streikenden trugen weiße Arztkittel und Trillerpfeifen. Sie skandierten: «Nicht mit uns». Auf Plakaten waren Sätze zu lesen wie: «Täglich Leben retten, ohne selbst eins zu haben», «Keine Frau, keine Kinder, nicht mal Zeit für Tinder» und «Come in and burn out».

«Ich liebe meinen Beruf, so wie wahrscheinlich alle, die auf diesem Platz stehen heute», sagte Intensivmediziner Tim Arnold. Doch mit den aktuellen Bedingungen könne es nicht weiter gehen. «Ich habe die Schnauze voll, ich will kein Held mehr sein», sagte er.

Hintergrund des Warnstreiks sind Verhandlungen über eine Weiterentwicklung des Haustarifvertrags. Die Charité gab an, unter anderem ein «differenziertes Paket mit Angeboten zu Arbeitszeit und Entlastung, Fort- und Weiterbildung, Entbürokratisierung und Gleichstellung» vorgelegt zu haben. Durch eine Vielzahl von Themen gestalteten sich die Verhandlungen sehr komplex, aber konstruktiv. Man wolle eine für alle Seiten gute Lösung finden. Der Gewerkschaft reicht das bisherige Angebot nicht aus. Nach Angaben der Charité soll es in der übernächsten Woche einen neuen Verhandlungstermin geben.

«Der Umfang der Streikteilnahme wurde uns im Vorfeld nicht konkret kommuniziert», teilte die Charité am Mittwoch mit. Aufgrund des Warnstreiks hätten Eingriffe verschoben werden müssen. Man bemühe sich, die Einschränkungen so gering wie möglich zu halten.

Jana Reichardt, Mitglied im Marburger Bund und der Tarifkommission, kritisierte am Mittwoch, dass es im Vorfeld des Warnstreiks zu «Einschüchterungsversuchen» gekommen sei. Dabei seien Mitarbeitende unter Druck gesetzt worden. Die Charité teilte auf Anfrage mit, dass der Vorstand «selbstverständlich die verfassungsrechtliche Garantie des Streikrechts» respektiere. «Eine Einflussnahme von unserer Seite hat es keinesfalls gegeben und wird klar und deutlich abgelehnt.»

© dpa
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