Zentralrat der Juden sieht Vorwürfe gegen Homolka bestätigt

Seit Monaten werden Vorwürfe von Machtmissbrauch und sexualisierter Belästigung an der liberalen Rabbinerschule in Potsdam überprüft. Der Gründer weist die Anschuldigungen zurück, der Zentralrat der Juden sieht persönliches Fehlverhalten. Wie kann ein Neuanfang aussehen?
Walter Homolka, Rabbiner, Gründer und Direktor des Abraham Geiger Kollegs. © Wolfgang Kumm/dpa

Der Zentralrat der Juden sieht schwere Vorwürfe gegen den Gründer der Potsdamer Rabbinerschule Abraham Geiger Kolleg, Walter Homolka, bestätigt und fordert seine Abberufung von bisherigen Ämtern. Der Zentralrat veröffentlichte am Mittwoch die Zusammenfassung einer Untersuchung der Kanzlei Gercke Wollschläger, die er selbst in Auftrag gegeben hatte. Homolka bestreitet die Anschuldigungen vehement.

Es geht im wesentlich um Vorwürfe des Machtmissbrauchs. Der Zentralrat der Juden sprach von einer «Kultur der Angst». Die von Homolka beauftragte Berliner Anwaltskanzlei nannte die Untersuchungsergebnisse am Mittwoch eine Vorverurteilung. Das Bundesinnenministerium, ein Geldgeber für die liberale Rabbinerschule, forderte indes einen umfassenden Neuanfang.

«Ein Verbleib von Professor Homolka in seinen bisherigen Ämtern ist mit diesem Ergebnis nicht mehr denkbar», erklärte Zentralratspräsident Josef Schuster in Berlin. «Am Abraham Geiger Kolleg herrschte laut den Ergebnissen der Kanzlei eine in der Struktur angelegte «Kultur der Angst». Das in der Zusammenfassung dargestellte persönliche Fehlverhalten von Rabbiner Homolka, die von ihm angehäuften Ämter und die Schaffung von Abhängigkeiten haben im Zusammenspiel mit strukturellen Ursachen ein Umfeld geschaffen, das den hohen moralischen und ethischen Standards einer Rabbinerausbildung nicht gerecht wird.»

In der vorläufigen Zusammenfassung der Untersuchung ist unter anderem die Rede davon, dass ein Abhängigkeitsverhältnis geschaffen worden und etwa zu viel Einfluss auf den Karriereweg von Studierenden genommen worden sei. Das konservative Zacharias Frankel College, dessen Geschäftsführer Homolka war, teilte mit, die Ausbildungsstätte sie vom Zeitpunkt ihre Gründung im Jahr 2013 an «in einem Zustand der Abhängigkeit vom Willen einer Person».

Die von Homolka beauftragte Kanzlei Behm Becker Geßner kritisierte, die Aussage des Präsidenten des Zentralrats sei «verantwortungslos und vorverurteilend». Die Stellungnahme des Rabbiners für die Untersuchung sei nicht ausreichend berücksichtigt worden. Das gesamte Vorgehen sei politisch motiviert.

Vorwürfe des Machtmissbrauchs und der sexualisierten Belästigung am Abraham Geiger Kolleg waren im Mai in einem Bericht der «Welt» öffentlich geworden. Homolka war der Gründer und Rektor des Rabbinerkollegs und auch Vizedirektor der School of Jewish Theology an der Universität Potsdam, die bei der Rabbinerausbildung mit dem Geiger Kolleg zusammenarbeitet. Die Uni kam in einer eigenen Überprüfung zu dem Schluss, dass sich der Vorwurf von Machtmissbrauch am Institut für Jüdische Theologie bestätigt habe - nicht aber der Vorwurf der Duldung sexualisierter Belästigung. Homolka ist wieder offiziell als Professor im Dienst der Universität.

In einer gemeinsamen Erklärung kritisierten das Bundesinnenministerium, das Wissenschafts- und Kulturministerium in Brandenburg und der Zentralrat der Juden den bisherigen Plan zur Neuausrichtung des Abraham Geiger Kollegs. «Vor dem Hintergrund der zutage getretenen Missstände muss es rasch einen klaren Schnitt zu der bisherigen Struktur und einen umfassenden Neuanfang geben. Die Vorschläge, die bislang am Abraham Geiger Kolleg erarbeitet wurden, entsprechen diesem Erfordernis nicht.»

Trotz der Vorwürfe wird die Finanzierung der liberalen Rabbinerschule laut der Mitteilung der drei Geldgeber fortgesetzt. Sie reagierten jedoch mit «großem Befremden» auf die Untersuchungsergebnisse. «Aus unserer Sicht gibt es keinen Anlass, die Sachverhaltsdarstellung in Zweifel zu ziehen», hieß es in der Erklärung.

Die Interimsdirektorin des Kollegs, Gabriele Thöne, kündigte am Dienstag an, die Einrichtung solle neu strukturiert werden und in eine Ausbildungsstiftung übergehen. Dabei sollen es unter anderem Aufsichtsgremien und Regelungen für mehr Transparenz geben. Die Gespräche für eine Stiftung sind der Einrichtung zufolge noch nicht abgeschlossen.

Am Dienstag kündigte Homolka an, sich aus der Rabbinerschule zurückzuziehen und den Weg frei zu machen für «eine Umgestaltung» der Rabbinerausbildung. Homolka wird zudem nicht wieder für den Vorstand der Union progressiver Juden in Deutschland kandidieren, wie er in einem internen Schreiben, das der dpa vorliegt, ankündigte.

© dpa
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