Vorwürfe gegen Rabbinerschule: Gründer zieht sich zurück

Die liberale Rabbinerschule in Potsdam steht in den Schlagzeilen. Vorwürfe kamen auch gegen den Gründer auf. Er weist die Anschuldigungen zurück, macht aber den Weg für eine Neuausrichtung frei.
Rabbiner Walter Homolka, damaliger Rektor des Abraham Geiger Kollegs im Jahr 2016. © picture alliance/Julian Stratenschulte/dpa/Archivbild

Nach Vorwürfen gegen die Rabbinerschule Abraham Geiger Kolleg in Potsdam zieht sich der Gründer und frühere Rektor, Walter Homolka, aus der Leitung zurück. Er mache den Weg frei für eine Umgestaltung der Rabbinerausbildung, die Leitung gehe in neue Hände über, sagte Homolka laut einer Mitteilung des Abraham Geiger Kollegs vom Montagabend. Die liberale Rabbinerausbildung soll neu strukturiert werden und in eine Stiftung übergehen.

«Ich sehe meinen künftigen Tätigkeitsschwerpunkt in der wissenschaftlichen Forschung und als Professor der Universität Potsdam. Der Stiftung werde ich aber nicht angehören. Die Leitung der Rabbinerausbildung geht 2023 in neue Hände über», sagte Homolka in der Mitteilung. «Wichtig ist dabei, dass das Rabbinerseminar seine Arbeit ungestört und erfolgreich weiter fortsetzen kann - progressiv und unabhängig.»

Die Interimsdirektorin am Kolleg, Gabriele Thöne, kündigte an, dass mit einer neuen Stiftungsstruktur Aufsichtsgremien sowohl für religiöse als auch für Verwaltungsfragen eingerichtet würden. «Ich bin optimistisch, dass ich die neue Struktur öffentlich vorstellen kann, sobald die laufenden Gespräche abgeschlossen sind. (...).» Zum Rückzug Homolkas sagte Thöne, die Verdienste des Rabbiners für das Liberale Judentum in Deutschland seien unbestritten. «Jetzt stellen wir uns noch breiter auf.»

Gegen das Potsdamer Abraham Geiger Kolleg und das Institut School of Jewish Theology an der Universität Potsdam waren eine Reihe von Vorwürfen laut geworden, auch gegen Homolka selbst. Die Universität Potsdam sieht den Vorwurf von Machtmissbrauch am Institut für Jüdische Theologie nach Prüfung einer Kommission als bestätigt an - nicht aber den der Duldung sexualisierter Belästigung durch einen Dozenten am Kolleg. Homolka wandte sich stets gegen die Anschuldigungen. Nach der Prüfung von Vorwürfen ist er wieder offiziell als Professor im Dienst der Universität.

Das selbstständige Abraham Geiger Kolleg und das Universitäts-Institut in Potsdam hängen zusammen: Künftige liberale Rabbiner lernen an beiden zugleich.

Der Zentralrat der Juden hatte die Anwaltskanzlei Gercke Wollschläger mit einer eigenen Untersuchung der Vorwürfe beauftragt. Das Ergebnis soll an diesem Mittwoch in Form einer «Executive Summary» (Zusammenfassung) veröffentlicht werden.

Daran äußerte Homolka am Dienstag über seinen Anwalt David Geßner Kritik. Die geplante Veröffentlichung durch den Zentralrat sei vorschnell. «Es liegt der Verdacht einer Vorverurteilung nahe», hieß es in der Erklärung des Anwalts.

Seinem Mandanten sei «ein Fragenkatalog mit schweren Vorwürfen übersandt» worden. Am Sonntag sei eine Stellungnahme übermittelt worden mit dem Hinweis, «dass die mitgeteilten Vorwürfe keinesfalls in einem Untersuchungsbericht Berücksichtigung finden dürfen, da es an jeglichen Beweistatsachen fehlt». Sollte Homolkas Stellungnahme nicht berücksichtigt werden, «würde eine massive Persönlichkeitsrechtsverletzung vorliegen», hieß es weiter.

Daraufhin warf der Zentralrat der Juden Homolka Verzögerungstaktik vor. «Homolka hat sich über Monate einer ernsthaften Mitwirkung an der unabhängigen Untersuchung der Kanzlei Gercke Wollschläger verweigert», erklärte der Zentralrat. Die von Homolkas Anwalt eingereichte Stellungnahme werde berücksichtigt. An der Veröffentlichung des Executive Summary am Mittwoch halte man fest.

Homolka hatte sich in einem Interview der Wochenzeitung «Die Zeit» im Oktober zu den Vorwürfen geäußert und von Rufmord gesprochen. Er sei kein Vertuscher und kein Belästiger. «Alle Vorwürfe gehen letztlich auf einen ersten zurück: Ich hätte vertuscht, dass mein Lebenspartner, der auch am Kolleg arbeitete, einen pornografischen Clip an einen Studenten versendet hat. Wahr ist, es gab den Clip», sagte Homolka im Interview. Er habe aber erst davon erfahren, als ein Student den Vorfall beim Kolleg und bei der Polizei angezeigt habe. Deren Ermittlungen seien wegen Geringfügigkeit eingestellt worden.

Zu Förderern und Unterstützern des Abraham Geiger Kollegs gehören unter anderen das Bundesbildungsministerium, die Kultusministerkonferenz, das Land Brandenburg und der Zentralrat der Juden in Deutschland. Homolka erhielt 2015 für seine Verdienste um die Ausbildung von Rabbinern in Deutschland das Bundesverdienstkreuz.

© dpa
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