Riesenbovist, Steinpilz & Co: Pilzsuche lohnt wieder

Pilzsammler hatten in dieser Saison eine lange Durststrecke. Wegen der Trockenheit war im Wald so gut wie nichts zu finden. Nun lohnt die Suche wieder. Die Pilzberater im Land haben indes mit einem Problem zu kämpfen.
Der Pilzsachverständige Lutz Helbig hält in einem Waldgebiet in der Lausitz zwei Riesenboviste in der Hand. © Silke Nauschütz/dpa/Archivbild

Pilzsammler haben lange darauf gewartet - nach Regen können sie nun in durchfeuchteten Wäldern und Fluren wieder fündig werden. Nicht nur Parasolpilz (Riesenschirmpilz), Riesenbovist und Hasenbovist, Steinpilz oder Rotfußröhrling können derzeit gesammelt werden. «Solange es noch feucht bleibt und nicht wieder heiß und trocken, sind Pilze gut zu finden», sagte der Pilzsachverständige Lutz Helbig der Deutschen Presse-Agentur.

Der Riesenbovist etwa als größter heimischer Bovist ragt derzeit aus dem Waldboden wie eine weiße Kugel. Er wächst auf nährstoff- und stickstoffreichen Böden und ist ein Zersetzerpilz - er geht also keine Symbiose mit Bäumen ein. «Der Bovist hat ein erstaunliches Wachstum, er kann bei ausreichender Feuchtigkeit seine Masse über Nacht verdoppeln», sagt Helbig. Er empfiehlt, den Pilz in Scheiben zu schneiden und wie ein Schnitzel zuzubereiten. Dazu müsser er noch jung, innen weiß und fest ist sein, älter sei er ungenießbar.

Helbig berichtet aber auch über eine Veränderung im Wald: Die Pilze wachsen im Süden Brandenburgs eher sporadisch und die alte Faustregel, ab etwa August die Körbe füllen zu können, gilt so nicht mehr. «Heute schauen selbst Mykologen auf die Niederschlagskarten, um Pilze finden zu können.»

Ein Grund ist ihm zufolge, dass das Aufkommen von Pilzarten nicht nur eng verbunden ist mit ihrer Ernährung, sondern stark vom Niederschlag beeinflusst wird. Sogenannte Mykorrhiza-Pilze wie Marone und Steinpilz gehen eine Symbiose mit Baumarten wie der Kiefer oder der Eiche ein. Doch die Bäume stehen nach den vergangenen Jahren im Trockenstress. «Geht es diesen Bäumen beziehungsweise dem Wald nicht gut, geht's auch den Mykorrhizapilzen nicht gut.»

Letztes Endes komme es darauf an, wie vital der Baum sei. Ist beispielsweise die Kiefer geschwächt, etwa durch Trockenheit und Schädlinge, kann sich Helbig zufolge die Fette Henne als Schwächeparasit ausbreiten. Auch in diesem Jahr sei diese Pilzart schon gefunden worden. «Jede Art hat ihre ökologische Nische.» So hat sich unter anderem auch die «Falsche Rotkappe» als Neomyzet - also mit direkter oder indirekter menschlicher Unterstützung - in Deutschland weiter ausgebreitet.

Der Speisepilz, der mit Marone oder Steinpilz verwechselt werden kann, ist aus Nordamerika nach Europa zuerst ins Baltikum eingeschleppt worden. Auf welchem Wege ist Helbig zufolge nicht bekannt. Seit dem deutschlandweiten Erstfund 2014 in der Lausitz hat sich der Pilz nahezu explosionsartig im Brandenburger Raum vermehrt. Von der «Falschen Rotkappe» gebe es mittlerweile etwa 100 Fundorte, besonders in Südbrandenburg aber auch in Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen. «Wir sind dabei zu beobachten, ob dieser Pilz eine invasive Art ist und ob andere Pilzarten verdrängt werden.» Als Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Mykologie kartiert Helbig ehrenamtlich Pilze und sorgt für deren Erfassung mit genauen Standorten.

Ein großes Problem ist ihm zufolge der Beraternachwuchs. Im waldreichen Brandenburg haben ihm zufolge die angebotenen Pilzberatungsstellen bereits «große weiße Flecken» auf der Karte. Die ehrenamtliche Pilzberatung werde hauptsächlich durch Mitglieder des Landesverbandes der Pilzsachverständigen e.V. geleistet. Die meisten von ihnen seien zwischen 60 und 70 Jahre alt, junge Sachverständige kämen kaum nach. Helbig und seine Mitstreiter erwarten deshalb mehr Unterstützung vom Land.

© dpa
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