Nach Bernstein-Kür: Schwitzen in Kienbaum, reden in Berlin

27.06.2022 Mit dieser Wahl sorgten die Mitglieder von Hertha BSC für einen Knalleffekt: Kay Bernstein, Unternehmer und Ex-Ultra, ist Präsident. Spannend für den Club. Doch nun geht die Arbeit los. Für den Club-Chef bei diversen Meetings und für die Profis im Trainingslager.

Der neugewählte Präsident des Sportclubs Hertha BSC, Kay Bernstein. © Britta Pedersen/dpa

Mit einer braunen Ledertasche über der Schulter stieg Sandro Schwarz in den blauen Hertha-Reisebus. In Kienbaum östlich der Hauptstadt will der neue Trainer den kriselnden Bundesliga-Club in den kommenden Tagen fit machen für die nächste Saison. Das rote Backsteingebäude auf dem Olympia-Gelände ist von den Hertha-Profis für ein paar Tage verwaist - und dennoch passiert Großes in der Geschäftsstelle. Kay Bernstein zieht als Chef ein.

Wann es für ihn als neuen Hertha-Präsidenten so richtig losgeht, weiß Bernstein genau. «Offiziell: Mittwoch, 18 Uhr, Präsidiumssitzung», sagte er nach seiner Wahl. Wie genau es dann beim Hauptstadtclub weitergeht, ist deutlich schwieriger zu beantworten.

Hertha BSC, der mal als dröge, mal als großkotzig verspottete Bundesliga-Club, hat nun ein Alleinstellungsmerkmal: einen Präsidenten mit Vergangenheit in der Ultra-Szene, dieser im öffentlichen Diskurs viel zu oft auf Debatten über Pyrotechnik reduzierten Fan-Kultur. Einen, der eine eigene Eventfirma gegründet hat, aber im Führen eines Vereins und Großunternehmens keine Erfahrungen vorweisen kann.

Doch bei allen Risiken ist Bernsteins Wahl eine Chance für die Hertha. Der 41-Jährige will nicht Präsident der Ultras, sondern aller Anhänger und Mitglieder der Alten Dame, die er auf der symbolischen Intensivstation verortete, sein. Dafür will er vor allem in den Dialog kommen. «Lasst uns auf die Leute zugehen und mit ihnen reden. Darauf wird es ankommen», sagte er. «Natürlich geht es auch darum, den 1300 Mitgliedern, die mich nicht gewählt haben, denen die Hand auszustrecken und zu sagen: Wir nehmen euch ernst, wir nehmen eure Sorgen ernst. Wir nehmen die Ängste ernst, die Vorbehalte.»

Ähnliche Sätze hört man von ihm oft. Wer die Entfremdung zwischen Fans und Club in den vergangenen Monaten, zwischen Club-Establishment und Mitgliedern am Sonntag beobachtet hat, kann diese Prioritätensetzung kaum anzweifeln. Trotzdem wird Bernstein diese Ideen für den Neustart gemeinsam mit dem Präsidium bald konkretisieren müssen. Ein Zehn-Punkte-Programm, das er in seiner Bewerbungsrede vorstellte, blieb recht vage - auch, weil er dem Präsidium nicht vorgreifen wollte, sagte Bernstein.

«Die Hauptaufgabe wird sein, aus dem Präsidium einen eingeschworenen Haufen zu machen, der Hertha vorlebt.» Auf der Internetseite der Initiative «Wir Herthaner», die Bernsteins Kandidatur unterstützte, stehen einige Ideen, etwa der Verzicht auf Sponsoring von Wettanbietern und eine teilweise Öffnung der Gremiensitzungen.

Mit seinem Stellvertreter Fabian Drescher und Tim Kauermann, der als einfaches Mitglied des Gremiums gewählt wurde, hat er zwei Mitstreiter sicher an seiner Seite. Doch wie werden etwa Ingmar Pering und Peer Mock-Stümer, die beide den in der Abstimmung geschlagenen Frank Steffel unterstützten, auf den Neuen reagieren? Auch Geschäftsführer Fredi Bobic wird sich auf einen neuen Chef einstellen müssen, der möglicherweise ganz andere Fragen stellt als sein Vorgänger und sich ganz andere Dinge wünscht. Tut sich Bobic das nach dem schweren ersten Jahr in Berlin lange an?

Die Frage nach Lars Windhorst ist sogar noch spannender. Kann der Ex-Ultra wirklich mit dem Millionen-Investor? «Die Realität sagt: Herr Windhorst ist da. Herr Windhorst hat die Anteile und wir werden versuchen, ihn bestmöglichst einzubinden und mit ihm unsere Ziele zu erreichen», sagte Bernstein. Von Windhorst heißt es, schlimmer als unter Bernstein-Vorgänger Werner Gegenbauer könne es nicht werden. Man gibt dem neuen Chef wohl eine Chance. Gespräche stehen an.

Auch die Mannschaft und Schwarz wolle er kennenlernen, sagte Bernstein. Eine nicht-sportliche Aufgabe hat er auch schon, wie er in seiner Bewerbungsrede verriet: Die Spieler sollen für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Hertha grillen, um den Zusammenhalt zu stärken. Erstmal müssen Kevin-Prince Boateng und seine Kollegen aber unter Schwarz im Training in Kienbaum schwitzen.

© dpa

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