Kältehilfe-Träger beklagen Überforderung des Systems

Als Schutz für Obdachlose vor dem Erfrieren war die Kältehilfe einmal gedacht. Über Jahre ist das Hilfenetz gewachsen. Mit fehlenden Immobilien, hoher Nachfrage und großer Verwahrlosung scheinen die Herausforderungen aber immer größer zu werden.
Kältehilfe in Berlin
Helfer sind mit den Wärmebus vom Deutschen Roten Kreuz unterwegs und sprechen mit zwei Obdachlosen. © Christophe Gateau/dpa/Archivbild

Die Kältehilfe für Obdachlose in Berlin ist aus Sicht der beteiligten Wohlfahrtsverbände in den vergangenen Monaten zunehmend an Grenzen gestoßen. «Der Winter hat gezeigt: Das Berliner Kältehilfesystem ist überfordert», sagte Diakonie-Vorständin Andrea Asch federführend für die Liga der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege am Donnerstag in Berlin. Auf dpa-Anfrage sprach Sozialsenatorin Katja Kipping (Linke) kurz vor Saisonende von einem «kollektiven Kraftakt aller Beteiligten», mit dem es gelungen sei, ausreichend Plätze anzubieten. Als Herausforderungen für das Angebot gelten der angespannte Immobilienmarkt, der teils desolate Gesundheitszustand mancher Obdachloser und finanzielle Fragen.

Durchschnittlich seien die Übernachtungsplätze zu rund 91 Prozent ausgelastet gewesen, sagte Asch. Ein Wert so hoch wie seit 2016 nicht mehr. «Das bedeutet eine regelmäßige erhebliche Überbelegung mehrerer Einrichtungen», sagte Asch. In der Notübernachtung in der Lehrter Straße nahe dem Hauptbahnhof verbringen Gäste die Nacht laut Stadtmission im Speisesaal sitzend, wenn alle Schlafplätze belegt sind. Der Wärmebus des Deutschen Roten Kreuzes berichtet von einer Zunahme der Hilfeleistungen um ein Viertel. Im Schnitt waren laut Koordinierungsstelle der Kältehilfe gut 1040 Schlafplätze verfügbar.

Von 2500 telefonischen Absagen an Interessierte im Jahr 2022 sprach Esther Orth, Leiterin des Stadtmission-Projekts «SuN - Schutz und Neustart für Menschen ohne Obdach» im Hotel Augustinenhof in Mitte. Dort können knapp 90 Gäste auch tagsüber und längere Zeit bleiben, während es regulär bei der Kältehilfe morgens wieder heißt: zurück auf die Straße. In der 24/7-Einrichtung hingegen sollen Gäste zur Ruhe kommen können. 2021 war das Angebot vor dem Hintergrund der Pandemie entstanden. Wie es weitergeht, ist ungewiss: Die Finanzierung aus EU-Mitteln läuft im November aus, die Stadtmission fordert nun eine Weiterfinanzierung durch das Land.

Im Juni soll es laut Sozialverwaltung wieder einen Kältehilfegipfel mit Vertretern verschiedener Organisationen geben. Geplant sei eine Vereinbarung zwischen Senat und Bezirken, die etwa verbindliche und berlinweit geltende Mindeststandards in Einrichtungen festlege.

Man müsse und wolle diskutieren, ob eine Weiterführung der Kältehilfe in bisheriger Form sinnvoll sei: mit Hoch- und Herunterfahren des Angebots im Herbst und Frühjahr, sagte Asch. Und man stelle zur Diskussion, ob es nicht sinnvoller sei, 24/7-Einrichtungen als Regelangebot aufzubauen. Generell sei eine Professionalisierung der Kältehilfe nötig. Es könne nicht sein, dass Ehrenamtliche schwer pflegebedürftige Wohnungslose versorgen müssten.

Man gehe von zunehmender Obdachlosigkeit aus, könne dies aber nicht belegen, sagte Sabrina Niemietz von der Koordinierungsstelle. Bisher gab es in Berlin nur eine Zählung, bei der 2020 rund 2000 Obdachlose erfasst wurden. Es ließen sich aber nicht alle zählen.

Noch zu Saisonbeginn wurde auch angesichts der Inflation eine zu geringe Vergütung der Schlafplätze kritisiert. Nun seien die Sätze an die realen Kosten angepasst worden, teilte die Sozialverwaltung mit: Während bisher rund 17 Euro pro Notübernachtungsplatz angesetzt gewesen seien, würden dafür in dieser Saison durchschnittlich 32 Euro finanziert - und knapp 25 Euro pro Nachtcafé-Platz.

Die Initiative bietet im Winterhalbjahr diverse Hilfen für Obdachlose: etwa warme Mahlzeiten, Schlafplätze und Kleidung. Helfer verteilen zudem Tee und Decken auf der Straße und bringen Obdachlose auf Wunsch auch in Einrichtungen. Beteiligt sind Kirchengemeinden, Wohlfahrtsverbände, soziale Träger und Hilfsorganisationen sowie die Bezirke und der Senat.

© dpa
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