Giffey an Klimaaktivisten: «Anpacken statt ankleben»

Der Fachkräftemangel trifft jede Region, so auch Berlin und Brandenburg. Der Wettbewerb um die jungen Talente hat längst begonnen - und das Handwerk will in der Konkurrenz mit Studium oder Karriere im Internet nicht das Nachsehen haben.
Franziska Giffey, Regierende Bürgermeisterin von Berlin. © Wolfgang Kumm/dpa/Archivbild

Angesichts des Fachkräftemangels in zahlreichen Branchen hat Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey zu mehr Wertschätzung für das Handwerk aufgerufen. «Diese ganze Hochnäsigkeit, mit der auf das Handwerk geschaut wird, das nervt mich kolossal», sagte die SPD-Politikerin am Freitag bei einer Konferenz der Industrie- und Handelskammern von Berlin und Brandenburg.

Sie rief die Aktivisten der Gruppe «Letzte Generation» auf, sich lieber in Berufen etwa im Bereich der erneuerbaren Energien zu engagieren statt zu protestieren. «Anpacken statt ankleben. Das wäre ja mein Motto», sagte Giffey. «Der Fachkräftemangel ist eine riesige Herausforderung.» Man habe zwar Geld für erneuerbare Energien, aber es brauche zum Beispiel Solarinstallateure, um Photovoltaik-Anlagen auf die Dächer zu bekommen.

Aktivisten der Gruppe «Letzte Generation» haben sich in den vergangenen Monaten immer wieder aus Protest auf Straßen festgeklebt und damit den Verkehr lahmgelegt. Sie wollen die Politik so zu mehr Engagement im Kampf gegen den Klimawandel drängen. Vor etwas mehr als einer Woche stoppten einige Aktivisten mit einer Aktion den Flugbetrieb am Flughafen BER für gut eineinhalb Stunden.

«Wir brauchen Leute, die noch richtig anpacken», sagte Giffey - und meinte konkret junge Menschen, die sich für einen Handwerksberuf entscheiden. Dazu solle die Berufsorientierung angepasst werden, «damit auch an den Gymnasien über andere Schritte informiert wird als nur das Studium».

Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach sagte bei der IHK-Konferenz, dass Berlin und Brandenburg beim Thema Fachkräftemangel zwar eng kooperieren könnten, man aber die Menschen dabei eng mitnehmen müsse - «sonst bleibt es ein Papiertiger, ein Luftschloss». In Berlin lebten zu viele junge Menschen für die verfügbaren Stellen, in Brandenburg sei es umgekehrt. Aber die Berliner könnten es sich überhaupt nicht vorstellen, «wie es in Brandenburg ist, dass man da nicht nur überleben kann, sondern auch leben».

In Brandenburg waren nach Angaben der zuständigen Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit im November 27 545 Stellen vakant, während 6027 junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren arbeitslos gemeldet waren. In Berlin war die Zahl der freien Stellen kleiner (19 731), die Zahl der arbeitslos gemeldeten 15- bis 25-Jährigen dagegen deutlich größer (13 875).

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) blickte zu Beginn der IHK-Konferenz zur Hauptstadtregion, die künftig zweimal im Jahr stattfinden soll, vor allem auf die Energiekrise und ihre Folgen. Er ärgere sich darüber, dass die Frage der zukünftigen Energieversorgung «momentan vollkommen unterbelichtet diskutiert» werde.

Brandenburg wolle in den nächsten zehn Jahren mindestens doppelt so viel erneuerbare Energie erzeugen als bisher. «Das heißt noch mal 4000 Windkraftanlagen», sagte Woidke. Dazu brauche es aber auf Bundesebene einen «großen Wurf» zur Beschleunigung von Genehmigungsverfahren.

© dpa
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