Thuram: Wirtschaftssystem Rassismus gefährdet Überleben

Seit Jahrzehnten kämpft Lilian Thuram gegen Rassismus. In seinem neuen Buch zeigt der französische Welt- und Europameister die Ursprünge auf, hat aber auch Lösungen für die Missstände parat.
Lilian Thuram liest im Roten Salon der Volksbühne aus seinem Buch «Das weiße Denken». © Gerald Matzka/dpa

Zwei Tore und ein WM-Titel haben für Lilian Thuram wichtige Weichen für seinen weiteren Lebensverlauf gestellt. «Ohne Profifußball, ohne WM, wäre ich nicht hier», sagte der 50 Jahre alte ehemalige Profifußballer. Seit Jahrzehnten kämpft er gegen Rassismus, in Berlin stellte Thuram sein Buch «Das weiße Denken» im Roten Salon der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz vor. «Ich hätte das Buch nicht geschrieben. Das Leben, das ich als Kind hatte, hätte mich nicht hierhergebracht, wenn ich nicht Profifußballer geworden wäre», sagte er.

Die beiden Treffer im WM-Halbfinale 1998 beim 2:1 gegen Kroatien - die einzigen in 142 Nationalmannschaftspartien des Rekordspielers Frankreichs - sowie der darauf folgende WM-Titel hätten einen «Wandel in der französischen Gesellschaft» angeschoben. «Nach der WM war die Begeisterung ein wichtiger Moment. Ein Moment, in dem wir gesellschaftliche Fragen stellen konnten zur Positionierung verschiedener Menschen, die in Frankreich leben», sagte Thuram über die Zeit, als der Slogan «Black-Blanc-Beur» zum Ausdruck eines multikulturellen Frankreichs aufstieg. «Es hat natürlich nicht die Welt verändert. Vielleicht waren es kleine Schritte, um dem Slogan näher zu kommen.»

24 Jahre später ist Thuram immer noch ein Kämpfer gegen Rassismus. Der Welt- und Europameister sieht darin ein jahrhundertealtes ökonomisches System, das dazu diente, Ressourcen anderer Länder und Völker auszubeuten, um die Reichtümer einiger weniger weißer Männer aus Europa anzuhäufen. «Viele Jahrhunderte haben wir die Idee entwickelt, dass es eine weiße Überlegenheit gibt. Unsere Sozialisierung legitimiert den Rassismus, den wir in der Gesellschaft haben.» Um diese Situation zu verändern, geht es Thuram in erster Linie nicht darum, «Affenlaute im Stadion zu bekämpfen», sondern das Problem direkt im Kern anzugehen.

Als Beispiele nennt Thuram, dessen Sohn Marcus beim Bundesligisten Borussia Mönchengladbach unter Vertrag steht, die Kolonialisierung und den Sklavenhandel. Rassismus sei mehr als nur eine Konfrontation von Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben. «Wir reden meist von den Opfern. Wir sollten diejenigen befragen, die davon profitieren», sagte Thuram, der zehn Jahre nach dem WM-Triumph eine eigene Stiftung gegen Rassismus gründete.

Doch Thuram bleibt nicht in der Vergangenheit stecken, er überträgt die Missstände in unsere Zeit. «Dann stellen wir fest: Europa ist eine Festung. Es werden Menschen ausgeschlossen. Menschen werden in Gefängnisse abgeschoben. Menschen dürfen nicht das Mittelmeer überqueren», sagte Thuram über die Flüchtlingswellen aus dem Nahen Osten, «in 50 Jahren wird man uns fragen, wie konnten wir das zulassen. So wie wir fragen, wie konntet ihr das zu Zeiten des Kolonialismus zulassen?»

Der frühere Profi von AS Monaco, AC Parma, Juventus Turin und dem FC Barcelona will einen Perspektivwechsel bei den Menschen erreichen und nimmt die Entdeckung Amerikas und deren Fortsetzung bei der Eroberung der indigenen Menschen als Beispiel: «Seid ihr diejenigen, die an Bord sind oder seid ihr die Menschen am Strand?»

Mit dem Perspektivwechsel will Thuram das «Wirtschaftssystem, das unser Überleben und den Planeten in Frage stellt» angreifen, um «ein System zu schaffen, das gerechter» sei. «Wenn wir es sein lassen, fördern wir die Ungerechtigkeit. Die Menschen, die die Ungerechtigkeit aufgeben könnten, sind aber die Menschen, die die Vorteile haben.» Doch für Thuram gibt es einen Lösungsweg, von dem er selbst weiß, dass er noch lange Zeit beschwerlich sein wird: «Es wird sich ein Gleichgewicht einstellen, wenn Menschen nicht nach ihrer Hautfarbe bewertet werden, sondern nach ihren Fähigkeiten.»

© dpa
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