Lückenkemper wie ein «kleiner Rockstar»

Schnell, schneller, Lückenkemper: Nach dem blutigen Goldcoup wackelt die Jagd auf den nächsten Titel. Im Staffel-Vorlauf muss die Europameisterin passen, auch für das Finale gibt es «keine Garantie». Die unvergessliche Nacht als «kleiner Rockstar» endet kurios.
Erstplatzierte Gina Lückenkemper (Deutschland) jubelt nach dem Wettkampf. © Sven Hoppe/dpa

Als Europameisterin lachte Gina Lückenkemper trotz Schmerzen und einer kurzen, unruhigen Nacht über eine total schräge Goldparty. «Ich bin vorher noch nie Krankenwagen gefahren. Super-spannend, was da so passiert ist, ich war auch noch nie in der Notaufnahme», erzählte die 100-Meter-Gewinnerin und plauderte auch locker über nächtliche Mitfahrer. «Ich hatte im Krankenwagen auch die Begleitung der Dopingkontrolle dabei. Nachdem wir fertig genäht hatten, konnte ich die Dopingkontrolle auch fertig machen.»

Dem Zehnkampftrio um Weltmeister Niklas Kaul berichtete die 25-Jährige am Mittwoch im Teamhotel wie schlecht sie mit der «kleinen Fleischwunde» am linken Knie sowie mit «Schürfwunden und Schwellungen» am rechten Bein geschlafen habe. «Es läuft», scherzte Lückenkemper, die nach EM-Silber vor vier Jahren in Berlin auch in München frenetisch gefeiert wurde. «Ich habe mich schon gefühlt, wie ein kleiner Rockstar», sagte sie vier Stunden vor der Siegerehrung in ähnlicher Gänsehaut-Atmosphäre.

Ernster wurde Lückenkemper, als sie nach ihren Aussichten für die bei der WM so starke Bronze-Staffel über 4 x 100 Meter gefragt wurde. Den Vorlauf am Freitag muss sie wegen der genähten Wunde streichen, die Hoffnung auf eine Final-Teilnahme bleibt. «Eine Garantie haben wir natürlich nicht. Aber ich möchte den Mädels auf jeden Fall den Rücken stärken können», sagte die Wahl-Berlinerin.

Ohne die Europameisterin würden die Titel- und Medaillenchancen des Quartetts mit den WM-Kolleginnen Tatjana Pinto, Rebekka Haase und Alexandra Burghardt deutlich sinken. Zehn Jahre liegt der letzte deutsche Titel in dieser Disziplin zurück. Der zuvor letzte Erfolg im Einzelrennen über 100 Meter durch den von Verena Sailer im Jahr 2010 war sogar noch länger her: Bis Lückenkemper am Dienstagabend ins Ziel stürzte und die Winzigkeit von «fünf Tausendstelsekunden» vor der Schweizer Hallenweltmeisterin Mujinga Kambundji lag.

Lückenkemper war nach der für sie erfolgreichen WM in den USA als eine Protagonistin der deutschen Leichtathletik in den Fokus gerückt. Die 25-Jährige hatte sich gegen respektlose Berichterstattung zur Wehr gesetzt und eine Diskussion über die Sportförderung mit angestoßen. Sie habe viel Feedback bekommen und viele gute Gespräche mit Sportlern und Eltern von Sportlern geführt. Dass sie Kapitänin des Teams in München ist, überrascht da nicht.

Bei ihr selbst zahlt sich der Wechsel in die USA mehr und mehr aus. Unter Startrainer Lance Brauman, der ihr bei einem «Pep Talk» am Vorabend die Zweifel am Finalstart nahm und sie auf den Goldkurs brachte, hat Lückenkemper eine gute Entwicklung genommen. «Aktuell sind wir dabei den Motor wieder aufzubauen, der erste Schritt ist getan», berichtete sie. «Ich glaube, dass da schon einiges möglich ist in den kommenden Jahren.»

© dpa
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