Geier Dagmar und Recka ausgewildert

09.06.2022 Mit einer Flügelspannweite von bis zu drei Metern können Bartgeier Furcht einflößen - deshalb wurden sie vielerorts verfolgt und ausgerottet. Nun werden sie in Deutschland wieder heimisch. Im vergangenen Jahr wurden erstmals zwei Tiere ausgewildert - nun sind zwei «Neue» angekommen.

Die beiden ausgewilderten Bartgeier Wally und Bavaria fliegen im Nationalpark Berchtesgaden. © Markus Leitner/dpa/Archivbild

Ohne sichtbare Regung lassen Dagmar und Recka das Foto-Shooting über sich ergehen. Wegfliegen können sie noch nicht, denn die beiden Bartgeier sind gerade mal drei Monate alt. Dutzende Schaulustige verfolgten trotz strömenden Regens die Ankunft der beiden «Neuen» im Nationalpark Berchtesgaden - und zückten die Kameras. Am Donnerstag wurden die Weibchen aus spanischer Zucht ausgewildert - ein weiterer Schritt im Zuge eines alpenweiten Wiederansiedlungsprogramms.

Ranger und Experten des Naturschutzverbandes LBV schleppten die Tiere in 17 Kilogramm schweren blauen Boxen eineinhalb Stunden bergauf zu ihrem neuen Zuhause. Die Nester aus Zweigen und Schafwolle sind in einer schwer zugänglichen Felsnische versteckt. In etwa vier Wochen werden die beiden - rund um die Uhr gefilmt von Webcams - erste Flugversuche machen.

Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) nannte die Rückkehr der Greifvögel nach Bayern einen «Meilenstein für den Artenschutz». Sein Ministerium unterstützt das Projekt bis Ende 2023.

Schon vor einem Jahr hatten LBV und Nationalpark zwei Bartgeier ausgesetzt: Wally und Bavaria. Sie stammten aus demselben Zuchtprogramm in Spanien. Recka ist die Schwester von Wally und Dagmar ist die Cousine von Bavaria.

Mit Wally und Bavaria sah erst einmal alles gut aus. Wie schwierig die Wiederansiedlung der mächtigen Vögel ist, wurde vor knapp zwei Wochen klar. Die Überreste von Wally - Federn, Knochen, der Ring und ihre GPS-Sender - wurden im Zugspitzgebiet gefunden. Was Wally zustieß, ist noch unklar. Bavaria ist im Umfeld des Nationalparks unterwegs. In die Quere kommen sich die Tiere nicht. Die Jungen werden, wenn sie fliegen können, selbst weite Streifzüge machen.

Die Vögel mit einer Flügelspannweite von bis zu drei Metern sind in Deutschland vor über hundert Jahren ausgerottet worden, denn sie wirken imposant und bedrohlich. Ihnen wurde nachgesagt, Lämmchen und sogar kleine Kinder zu holen - obwohl sie nur Aas fressen. Ihr Schnabel und ihre Krallen sind gar nicht ausgelegt, Tiere zu töten.

«Alles was einen Hakenschnabel hatte, galt als feindlich und böse», erläutert der LBV-Experte Toni Wegscheider. «Sie sollten ausgerottet werden, das war sogar Staatsziel.» Noch bis ins 20. Jahrhundert habe es Prämien für Abschüsse gegeben. Auch Adler, Bussarde und kleinere Greifvögel seien massiv verfolgt worden.

Seit 1986 wurden gut 230 Bartgeier in den Alpen ausgewildert. Rund 88 Prozent überlebten das erste Jahr, im zweiten kamen 96 durch. Von den in der Wildnis geschlüpften Vögeln sterben sehr viel mehr.

Das Projekt soll nun die zentraleuropäische Population stärken und mit jenen auf dem Balkan und in Kleinasien verbinden. Der LBV-Vorsitzende Norbert Schäffer sagte, der nächste große Schritt in der Auswilderung der Bartgeier im östlichen Alpenraum sei geschafft.

Dagmar und Recka wohnen nun in demselben Fels-Domizil wie zuvor Wally und Bavaria. Dass es mit den beiden dort so harmonisch läuft wie mit Wally und Bavaria, hält Wegscheider für unwahrscheinlich. «Wally und Bavaria waren doch sehr innig miteinander.» Oft gehe es zwischen jungen Vögeln ruppiger zu, es könne durchaus Streit um Futter geben.

Rund um die Uhr werden Helfer die beiden aus der Ferne beobachten und einschreiten, wenn Gefahr droht - oder Schaulustige zu nahe kommen. Alle drei Tage werden die Unterstützer am Abend, wenn die Tiere dösen, Fleisch und Knochen bringen. Der Weg in steilem Gelände ist eigens mit Fixseilen gesichert - wegen drohenden Steinschlags tragen die Helfer Helme.

Selbst versorgen können sich die Vögel noch nicht. Sie sollen aber nicht zu genau mitbekommen, wer sie füttert, «damit die Tiere keinen Bezug zum Menschen aufbauen», erläutert der LBV-Experte David Schuhwerk. «Ab heute sind das wilde Tiere. Sie sollen ja später selbstständig einen Bruterfolg haben.»

Die Hoffnung: Dass sie in acht oder neun Jahren Junge bekommen. Vielleicht findet eine irgendwo im Alpenraum ihren Traumpartner - oder ein Bartgeiermännchen kommt nach Berchtesgaden.

Trotz aller Fürsorge: Den Vögeln drohen - wie Wallys Schicksal zeigt - eine Menge Gefahren. Kollisionen mit Seilbahnkabeln, illegale Abschüsse, Lawinen oder Kämpfe mit Steinadlern können zur Bedrohung werden. Eine der größten Gefahren bleibt die Vergiftung mit Aas, das mit bleihaltiger Jagdmunition geschossen wurde. Ein Fünftel der Todesfälle gehe darauf zurück, sagt Schuhwerk. Der LBV und andere Verbände verlangen schon längere Zeit einen Verzicht auf diese Munition.

Schon Wally und Bavaria hatten eine große Fangemeinde - die später über GPS-Signale jeden Ausflug in neue Gefilde begleitete. Auch Recka und Dagmar haben Sender bekommen. Sie sind am Rücken angebracht und mit Beinschlaufen befestigt. Als Wally im April nicht mehr geortet wurde, nahm man an, sie habe den Sender verloren. Dass nun eine Schwester von Wally in den Nationalpark komme, sei ein kleiner Trost, sagte Markus Erlwein vom LBV kürzlich. «Wir brauchen bei der Wiederansiedlung der Bartgeier in den Ostalpen einen langen Atem.»

© dpa

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