«Leute sind gut drauf»: «Rock im Park» geht zu Ende

Drei Tage mit Zehntausenden Menschen vor den Bühnen feiern und tanzen. Während «Rock im Park» ist Corona wie vergessen. Ungewohnt ist es aber trotzdem für viele.
Frontmann Matthew Bellamy tritt mit der britischen Rockband Muse beim Open-Air-Festival "Rock im Park" auf. © Daniel Karmann/dpa

Abtanzen vor den Bühnen, laute Rockmusik, Liebes-Duschen für die Fans und unbequeme Schuhe - nach zwei Jahren Festival-Pause haben rund 75.000 Musikfans bei «Rock im Park» ausgelassen gefeiert. Doch im Gegensatz zu früheren Jahren sind sie dabei vorsichtiger und vernünftiger. Für den Sanitätswachdienst gibt es im Vergleich zum letzten Mal «Rock im Park» 2019 deutlich weniger zu tun. Die Besucherinnen und Besucher wollen nach so langer Pause den Festival-Genuss offenbar nicht gefährden.

«Dieses Jahr ist es ruhiger und entspannter, als wir es sonst kennen», sagt Sohrab Taheri-Sohi vom Bayerischen Roten Kreuz für den Sanitätswachdienst auf dem Festivalgelände. Bis Montag verzeichnet die Organisation fast 2950 Notfälle - und damit über 500 Einsätze weniger als 2019. «Das ist schon eine Hausnummer.» Meist sei es dabei um kleinere Notfälle gegangen wie Kreislaufbeschwerden, allergische Reaktionen, Zeckenbisse, Schnittverletzungen oder umgeknickte Füße. In einem Fall retten die Einsatzkräfte einem Gast wohl das Leben: Nach einem Stich ist seine Zunge lebensgefährlich angeschwollen.

«Rock im Park» und das Zwillingsfestival «Rock am Ring» am Nürburgring in der Eifel sind am Pfingstwochenende mit die ersten großen Musikfestivals nach Ausbruch der Corona-Pandemie. Vielen Musikfans in dem Gedränge vor den Bühnen ist anzumerken, wie sehr sie es genießen, wieder gemeinsam zu feiern und zu tanzen. Viele liegen sich in den Armen, springen wie wild im Takt der Musik und singen und jubeln, bis sie heiser sind.

Auch die Münchner Band Sportfreunde Stiller ist am Sonntag, dem letzten Festivaltag, von so viel Feierfreude überrascht: «Am dritten Tag so viele Menschen, Wahnsinn!», sagt Sänger Peter Brugger. «Es ist unglaublich, wir sind zurück in unserem gefühlten Festival-Wohnzimmer.»

Corona und der Krieg in der Ukraine scheinen während des dreitägigen Festivals für einen Moment vergessen. Doch mit so vielen Menschen auf dem Gelände rund um das Zeppelinfeld in Nürnberg zusammenzukommen, können viele erstmal kaum fassen. Besonders deutlich wird das auf den Tribünen, über die viele Zugänge zur Hauptbühne auf dem Zeppelinfeld führten. «Ach, du Scheiße, sind das viele», sagt ein Besucher, als er die vielen Zehntausend unter sich erblickt. «Diese Massen», sagt eine andere Besucherin. Wie viele andere bleibt sie stehen, um von oben das Gedränge mit dem Smartphone zu fotografieren. Immer wieder müssen Sicherheitsmitarbeiter die Menschen auffordern weiterzugehen.

Aber auch die Bands feiern das Comeback der Festivals: «Ich bin so dankbar, dass es wieder geht», sagt Musiker Jan Delay am Samstagabend auf der Bühne. Und die Fans machen dankbar mit: tanzen gemeinsam mit dem Hamburger eine kleine Choreographie springen auf Anweisung hoch oder gehen in die Hocke. «Dieses Festival bedeutet so viel für uns alle», ruft auch Green-Day-Sänger Billie Joe Armstrong. Später verabschiedet sich die US-Rockband mit einem Feuerwerk von den Fans.

Einen bemerkenswerten Auftritt legt am Samstag auch die italienische Rockband Måneskin hin. Frontmann Damiano David kommt in schwarzem Lackanzug, weißem Netzhemd und hohen weißen Plateaustiefeln auf die Bühne, Gitarrist Thomas Raggi in einem Anzug mit Schlag und glänzendem 70er-Jahre-Muster. Doch nach einigen Songs, bei denen David kräftig über die Bühne rockt, wechselt er unter lautem Beifall auf flachere Schuhe mit der Bemerkung, dass er mit den hohen Absätzen nicht weitermachen könne.

Während der Show steigen immer wieder junge Frauen auf die Schulter ihrer Begleiter, ziehen ihre Oberteile aus und rocken mit nacktem Oberkörper weiter. Auch so ist auf dem Festival viel nackte, tätowierte Haut zu sehen. Bei der sommerlichen Hitze tragen viele Frauen Hotpants und knappe Tops, viele Männer verzichten gleich ganz auf T-Shirts. Beliebt sind auch skurrile Kopfbedeckungen, Einhornkostüme und Glitzer auf der nackten Haut.

«Die Leute sind offen und gut drauf», meint ein 31-Jähriger, der aus Sachsen zum Festival gereist ist. Gemeinsam mit seinen Freunden hat er am Ufer des Dutzendteichs ein großes Sofa aufgeblasen, das an dem Wochenende zur Kontaktbörse wird. «Die Leute kommen zum Schnacken, zum Ausruhen oder Schlafen», sagt er.

Doch eins erinnert an frühere Jahre: die Müllflut. Zeitweise quellen die Mülleimer über, vor den Bühnen liegt platt getretener Abfall. Für Kopfschütteln sorgt bei Besucherinnen und Besuchern auch, dass das Radler auf dem Festivalgelände aus Dosen ausgeschenkt wird. Dabei hat der Veranstalter angekündigt, dass «Rock im Park» nachhaltiger und grüner werden will. Fünf Prozent weniger Müll im Vergleich zu 2019 sind erklärtes Ziel für dieses Jahr. Um die 180 Tonnen werden es dann aber immer noch sein. Bis Mittwoch - so das Ziel des Veranstalters - sollen alle Festival-Spuren vom Gelände verschwunden sein.

© dpa
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