Holetschek berät mit Experten zu Lage in Kinderkliniken

Bayerns Kinderkliniken können derzeit die Flut an jungen Patienten mit schweren Atemwegserkrankungen kaum noch stemmen. Gesundheitsminister Holetschek mahnt zu großer Eile.
Fieberthermometer und Tee stehen neben einem kranken Kind. © Annette Riedl/dpa/Illustration

Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) hat ein rasches Vorgehen gegen die angespannte Situation in Bayerns überfüllten Kinderkliniken angekündigt. «Teils ist die Lage in den Kliniken dramatisch. Daher werden wir verschiedene Maßnahmen in Erwägung ziehen», sagte Holetschek am Donnerstag in München. Mit Experten wolle er am frühen Nachmittag darüber beraten, «welche Maßnahmen jetzt schnell Linderung verschaffen können».

Grund für die überfüllten Kliniken sind schwere Atemwegserkrankungen, an denen derzeit extrem viele Kinder leiden. Die jungen Patienten haben sich meist mit dem RS-Virus angesteckt, der vor allem für Säuglinge und Kleinkinder gefährlich werden kann. Auch Influenza und Lungenentzündung sind häufig. Mediziner erwarten, dass die Infektionswelle noch mehrere Wochen anhält - doch die Kapazitäten in den Klinken sind bereits jetzt erschöpft.

Außerhalb des Freistaates ist die Lage nicht besser. «Von 110 Kinderkliniken hatten zuletzt 43 Einrichtungen kein einziges Bett mehr auf der Normalstation frei. Lediglich 83 freie Betten gibt es generell noch auf pädiatrischen Kinderintensivstationen in ganz Deutschland - das sind 0,75 freie Betten pro Klinik, also weniger als eines pro Standort», teilte die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) am Donnerstag in München mit. Für die Ad-hoc-Umfrage habe der Verband 130 Kinderkliniken angeschrieben. 110 Häuser hätten ihre Daten vom Stichprobentag 24. November, also vor einer Woche, bereitgestellt.

«Wir sind an der Belastungsgrenze. Die Zimmer sind oft doppelt belegt, es fehlen zum Teil Monitore, um die Kinder überwachen zu können, weil wir pro Bett - wenn überhaupt - nur einen Monitor zur Verfügung haben. Und auch für die Atemunterstützung stehen zum Teil zu wenige Geräte zur Verfügung», sagte auch Matthias Keller, Leiter der Kinderklinik Dritter Orden in Passau und Vorsitzender der süddeutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, der Deutschen Presse-Agentur.

«Es gibt derzeit sehr viele kranke Kinder, und die sind auch schwerer erkrankt», schilderte Keller. «Und wir haben Regionen in Bayern, wo wir schon im Normalzustand auf Kante genäht sind.» Die Folge: «Manche Patientenzimmer sind wie Bettenlager, da muss man wirklich über die Betten krabbeln, um zum kranken Kind zu kommen, weil sich Elternbett an Patientenbett reiht.» Sechs bis acht Wochen dauere so eine Infektionswelle üblicherweise an. «So lange wird die Lage weiter angespannt bleiben.»

Um den dramatischen Engpässen in den Kliniken entgegenzuwirken, sei etwa der Einsatz von regulär auf Erwachsenenstationen tätigem Pflegepersonal auf den Kinderstationen oder das befristete Abweichen von den regulären Pflegepersonalschlüsseln möglich, sagte Holetschek. Es müsse auch in Erwägung gezogen werden, ältere Kinder und Jugendliche mit Knochenbrüchen oder anderen Erkrankungen, deren Behandlung keine spezifische pädiatrische Expertise erfordere, außerhalb von Kinderstationen zu versorgen.

Einen der Hauptgründe für die derzeitige Welle sehen die Mediziner in den Corona-Maßnahmen. Normalerweise steckten sich 90 Prozent aller Kinder in den ersten beiden Lebensjahren mit dem RS-Virus an. «Das hat nicht stattgefunden, dann fehlen die Antikörper, deshalb haben wir jetzt diese ausgeprägte Welle», erläuterte Keller.

«Die Pandemie hat die Infektwellen über das Jahr, die normalerweise einem gewissen Rhythmus erfolgen, verschoben, so dass wir seit einem Jahr eine kontinuierliche Infektwelle haben», zählte Dominik Ewald, Vorsitzender des hiesigen Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, einen weiteren Faktor auf. Krippen- und Kindergartenkinder seien ebenso wie Grundschüler einem andauernden Infektstress ausgesetzt, der das Immunsystem nie richtig zur Ruhe kommen lasse. Gleiches gelte für das medizinische Personal, das entsprechend ausgedünnt sei.

Weil viele Kliniken in Bayern so voll sind, zögern die ebenfalls ausgelasteten niedergelassenen Kinderärzte inzwischen, schwer kranke Patienten in die Krankenhäuser zu schicken. «Wir versuchen, so wenig wie möglich einzuweisen, weil wir wissen, dass die Kinder ansonsten in entferntere Kliniken transportiert werden», schilderte Ewald. So gab es zuletzt regelmäßig Transporte von München ins 170 Kilometer entfernte Passau - wenn denn nach bis zu zwölf Stunden Wartezeit endlich einmal das passende Fahrzeug eingetroffen war.

In «normalen Zeiten» sei die Versorgung kranker Kinder und Jugendlicher in Bayern «auf hohem Niveau gewährleistet», sagte Gesundheitsminister Holetschek. «Verständlicherweise kommen diese Kapazitäten aber an ihre Grenzen, wenn ein dramatisches epidemisches Geschehen mit einer massiven Welle an RSV-Erkrankungen unter Kindern und Jugendlichen auftritt.» Diese sei nicht nur in ganz Deutschland, sondern «auf der Nordhalbkugel generell zu beobachten».

Neben einem Personalmangel erschwere auch eine «überbordende Bürokratie» die Situation, sagte Holetschek und forderte auf Bundesebene ein befristetes Bürokratie-Moratorium. «Die Hand am Bett ist jetzt wichtiger als die am Schreibtisch.»

© dpa
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