Zugunglück: Bahn bereitet Bergung von Lok vor

War etwas mit den Gleisen oder mit dem Fahrgestell? Gibt es Verantwortliche oder war der Unfall unvermeidbar? Nach dem Zugunglück von Garmisch-Partenkirchen mit fünf Toten herrscht Rätselraten über die Ursache. Wann die Strecke wieder befahren wird: offen.
Die zerstörten Zugwagons und die Drehgestelle stehen in der Nähe der Unglücksstelle auf einem Betriebshof. © Tobias Hase/dpa

Nach dem tödlichen Zugunglück von Garmisch-Partenkirchen hat die Deutsche Bahn mit vorbereitenden Arbeiten zur Bergung der Lok und eines letzten Waggons von der Unfallstelle begonnen. Von nördlicher Richtung kommend könne nun in Abstimmung mit der ermittelnden Behörde an den Gleisen gearbeitet werden, sagte ein Bahnsprecher am Donnerstagabend.

«Damit ein Schienenkran den Wagen und die Lok erreichen kann, um sie schließlich anzuheben, wird zunächst der Gleisabschnitt davor instandgesetzt», sagte der Sprecher. Allein diese Maßnahmen vor der Bergung des Waggons und der Lok dürften einige Tage in Anspruch nehmen. «Der zeitliche Ablauf von Gleisarbeiten und Bergung hängt auch von den weiteren Ermittlungen ab.»

Wann auf der Strecke wieder Züge fahren können, ist offen. Spekuliert wurde, dass sich dies bis zum oder bis nach dem G7-Gipfel Ende Juni hinziehen könnte. Bei der Bahn hieß es dazu jedoch: «Eine Prognose zur Wiederaufnahme des Zugverkehrs ist aktuell noch nicht möglich.»

Auch knapp eine Woche nach dem Zugunglück mit fünf Toten laufen auch am Unfallort weiter Ermittlungen und Begutachtungen. Die fast 50 Mitarbeiter umfassende Soko «Zug» arbeite auf Hochtouren, sagte der Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, Stefan Sonntag.

Der Regionalzug von Garmisch-Partenkirchen nach München war am vergangenen Freitagmittag entgleist. Vier Frauen und ein 13-Jähriger aus der Region starben. Unter den Toten sind zwei Mütter aus der Ukraine, die mit ihren Kindern vor dem Krieg geflüchtet waren. Eine weitere Frau war auch laut Polizei am Donnerstag noch in kritischem Zustand. Am Samstag ist in Garmisch-Partenkirchen ein ökumenischer Trauergottesdienst geplant.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen eines Anfangsverdachts der fahrlässigen Tötung gegen drei Bahn-Mitarbeiter. Bei der Suche nach der Ursache liegt der Fokus auf einem technischen Defekt. Dabei scheinen vor allem Schienen und Fahrgestelle im Zentrum der Untersuchungen zu stehen. Die vom Unfallort abtransportierten Fahrgestelle wurden sichergestellt.

Thomas Strang, Experte für Kommunikation und Navigation am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), mahnte, zuerst nach der Ursache und dann erst nach den Verantwortlichen zu suchen. Er sieht grundsätzlich einen Fehler im System. «In anderen Ländern ist nicht so wichtig, wer war schuld - sondern was ist passiert und wie können wir das systematisch das nächste Mal verhindern?», sagte Strang der Deutschen Presse-Agentur.

«Natürlich hat bei solchen Unglücken meist irgendein Mensch dazu beitragen, indem er irgendetwas übersehen hat.» Der Fehler eines Einzelnen dürfe aber gerade nicht zu einem Unfall führen. Es sei ein System mehrfacher Sicherungsmaßnahmen nötig. «Wir brauchen Redundanzen, die verhindern, dass ein Fehler zum Unfall führt.» Jedes Fahrrad oder jeder E-Scooter habe zwei unabhängige Bremssysteme.

Die «Bild»-Zeitung berichtete am Donnerstag unter Verweis auf das Fahrtenbuch der Unglücksstrecke von Mittenwald über Garmisch-Partenkirchen nach München, dass der Zug an der Unglücksstelle nicht zu schnell unterwegs war. Demnach soll er dort die erlaubten 100 Stundenkilometer gefahren sein.

Der Präsident des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, Manfred Hauser, hatte bereits am Samstag am Unfallort gesagt, die Ermittlungen hätten nicht ergeben, dass der Zug mit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs gewesen sein könnte.

Strang sagte weiter, dass an den Schienen der DB Netz Sanierungsbedarf bestehe, zeigten diverse Langsamfahrstrecken. «Die Anzahl der Langsamfahrstellen ist ein direkter Indikator für den Zustand unseres Netzes.» Es fehle allerdings - so Strangs Einschätzung - an qualifizierten Fachkräften, die entsprechende Arbeiten konzipierten. Zudem sei das Streckennetz so stark ausgelastet, dass jede Baustelle den Betrieb stark behindere.

Garmisch-Partenkirchen ist seit 2016 das vierte Bahnunglück in Deutschland mit Todesopfern - und alle vier ereigneten sich in Bayern. Allerdings ging es in Bad Aibling 2016, in Aichach 2018 und in Schäftlarn im Februar 2022 um Kollisionen zweier Züge. Hier war kein anderer Zug im Spiel.

Strang äußerte auch Unverständnis über die Zeit bis zur Aufklärung solcher Unglücke. Nach Bad Aibling habe der Abschlussbericht erst nach zwei Jahren vorgelegen, nach Schäftlarn gebe es auch nach vier Monaten noch kein Ergebnis.

© dpa
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