Jesus vor Kreuzigung: Oberammergauer Passion gut ausgelastet

Bald ist es vollbracht: Die von 2020 nachgeholten Oberammergauer Passionsspiele stehen kurz vor dem Abschluss. Viele Sorgen wegen Corona hatte es gegeben. Doch die Bilanz kann sich sehen lassen.
Besucher kommen zum ökumenischen Gottesdienst vor der Premiere für die 42. Passionsspiele zum Passionstheater. © Angelika Warmuth/dpa/Archivbild

Mal fehlten am Abendmahlstisch gleich fünf Jünger. Mal kreuzigte man neben Jesus zwei Apostel, anstelle der erkrankten Schächer. Es waren Passionsspiele mit coronabedingten Hürden, die nun in Oberammergau zu Ende gehen. Dennoch zogen Spielleitung und Gemeinde am Dienstag eine positive Bilanz - künstlerisch wie wirtschaftlich: Mehr verkaufte Tickets als erhofft, zufriedene Zuschauer, gutes Wetter - und keine Vorstellung abgesagt.

Erwartet war eine Auslastung von 85 Prozent, nun wurden 91,25 Prozent der Karten verkauft. Rund 412 000 Zuschauer kamen zu den mehr als 100 Vorstellungen. 70 Prozent stammten aus dem deutschsprachigen Raum, 30 Prozent reisten aus dem übrigen Ausland an, vor allem aus den USA und anderen englischsprachigen Ländern. Kein einziger Spieltag musste abgesagt werden - und das Wetter passte. Das Dach der Freiluftbühne musste nur wenige Male geschlossen werden, bei der Passion 2010 seien es 70 Mal gewesen, sagte Spielleiter Christian Stückl.

Am Sonntag (2. Oktober) wird Jesus zum letzten Mal ans Kreuz geschlagen. Dann fällt der letzte Vorhang. Rund 25 Millionen Euro Überschuss werden dann laut Geschäftsführer Walter Rutz voraussichtlich im Säckel klingeln. Bei der zu 99,8 Prozent ausverkauften Passion 2010 waren es 34 Millionen Euro.

Noch im Januar war nicht klar, ob und unter welchen Bedingungen gespielt werden kann. Stückl hatte die Passion 2020 wegen Corona um zwei Jahre verschoben.

Rund 500 der erwachsenen Spieler sprangen damit ab. Am Ende waren es mit Kindern rund 1700 Mitwirkende, immerhin ein Drittel der Dorfbewohner. Das kleine Bergdorf schafft mit der weltberühmten Passion alle zehn Jahre ein außergewöhnliches Schauspiel.

Schon jetzt blickt man in entspannte, frohe Gesichter. «Es war wirklich eine Achterbahnfahrt», sagt Bürgermeister Andreas Rödl (CSU). «Wenn man das in der Gesamtheit betrachtet, ist es erstaunlich, dass alles so reibungslos funktioniert hat.»

Täglich wurden alle auf Corona getestet, rund 76.000 Tests wurden ausgegeben. Trotzdem fielen praktisch jedes Mal Spieler aus - oft wurde improvisiert. Es sei erstaunlich gewesen, «wie schnell das geht, dass zwei Apostel am Kreuz hängen».

Erneut hat Stückl, der die Passion zum vierten Mal inszenierte, am Text gearbeitet, die Rollen weiterentwickelt, eng mit jüdischen Organisationen zusammengearbeitet. Er hat das Spiel seit 1990 grundlegend erneuert und von antijüdischen Inhalten befreit. «Wir müssen immer weiter daran arbeiten, dass wir ein normales Verhältnis miteinander kriegen.»

Dieses Mal sei ihm zudem wichtig gewesen, zu zeigen, dass Jesus am Rande der Gesellschaft unterwegs war. Ein Jesus, der sich um Arme kümmert, der den Menschen nah ist - viele Zuschauer hätten gesagt, sie hätten einen ganz neuen Jesus gesehen.

Dass es weniger Darsteller waren, sah Stückl positiv: «Wir haben uns gesund geschrumpft. Bei den ganz großen Szenen war nicht so viel Volk auf der Bühne.» Damit: Weniger Gedränge. Die Pandemie beeinträchtigte auch die Proben. Der Chor etwa startete in Kleingruppen. «Die Vorbereitung war mit die härteste, die wir gehabt haben», sagte der musikalische Leiter Markus Zwink. Jeder Einzelne sei mehr gefordert gewesen. «Die spartanische Vorbereitung hat uns viel gebracht.»

Fünf Mal wird nun noch gekreuzigt, dann geht es ans Haareschneiden. Seit Aschermittwoch 2021 hatten die Mitwirkenden bis auf die Römer Friseurverbot, so will es die Tradition.

«Für viele kommt die Wehmut. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht», sagt Bürgermeister Rödl, der im Chor mitsang. «Der Ort wächst ja wirklich zusammen in dieser Zeit - und dann ist am 3. Oktober alles anders.»

Manche finden aber auch, dass es jetzt erstmal reicht: «Es ist dann schon manchmal so, dass ich sag: Ich kanns nicht mehr hören», sagt Zwink. Zudem werde es langsam kalt auf der Freiluftbühne.

Eine lange Pause hat Oberammergau nicht. 2024 geht es wieder los mit den Vorbereitungen für 2030. Zwink wird nach vier Passionen seinen Job abgeben. Ob Stückl die Passion ein fünftes Mal machen will, ließ der 60-Jährige, einst jüngster Spielleiter, offen. Es gebe viele Fragen, wie es nach dem Passionsspiel weitergehe, sagte er nur. Vielleicht sei es gut, gemeinsam einen Schlussstrich zu ziehen. «Ich möchte jetzt aber nicht in die Zukunft hineinspekulieren.»

Die Passionsspiele gehen auf ein uraltes Pestgelübde zurück: 1633 versprachen die Oberammergauer, alle zehn Jahre das «Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus» aufzuführen.

© dpa
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