Selenskyj spricht bei G7-Gipfel: Beratungen über Hungerkrise

27.06.2022 Am ersten Gipfeltag beschworen die G7-Staaten ihre Geschlossenheit im Kampf gegen die großen globalen Krisen. Jetzt darf der ukrainische Präsident das Wort ergreifen. Schon vorab unterstreicht er seine Forderung nach schnellere Waffenlieferungen.

Die Chefs haben sich beim G7 Treffen zu einem informellen Gruppenbild aufgestellt. © Michael Kappeler/dpa

Aus dem Krieg zugeschaltet ins bayerische Alpenidyll: An Tag zwei des G7-Gipfels auf Schloss Elmau will der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den Staats- und Regierungschefs der großen Industrieländer ins Gewissen reden. Der 44-Jährige soll am Vormittag per Video zu den Beratungen zugeschaltet werden. Bereits am Wochenende hatte er erneut mehr Militärhilfe für sein Land gefordert. Bei den G7 kündigte sich mit einem Importverbot für russisches Gold zudem eine Verschärfung der Sanktionen an.

Selenskyj sieht die Ukraine in einer schwierigen Phase des Krieges. Erstmals seit drei Wochen wurde die Hauptstadt Kiew am Wochenende wieder mit Raketen beschossen. Außerdem gelang es Russland nach wochenlangem Kampf, die Großstadt Sjewjerodonezk im Osten der Ukraine unter Kontrolle zu bringen.

«Wir brauchen eine schlagkräftige Luftverteidigung - modern, voll wirksam», sagte er in der Nacht zum Montag in seiner täglichen Videoansprache. Jede Verzögerung von Waffenlieferungen an die Ukraine sei eine Einladung an Russland, weiter zuzuschlagen, meinte Selenskyj. Die G7-Länder, zu denen Deutschland, die USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Italien und Japan zählen, verfügten gemeinsam über so viel Potenzial, «um die russische Aggression gegen die Ukraine und Europa zu stoppen» sagte Selenskyj.

Am ersten Gipfeltag hatten die G7-Staaten bereits ihre Geschlossenheit im Kampf gegen Putins Krieg betont. «Uns eint der Blick auf die Welt, uns eint auch der Glaube an die Demokratie und die Rechtsstaatlichkeit», betonte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). Es sei wichtig, entschlossen und geschlossen zu handeln.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen betonte am Abend in TV-Interviews, dass die Runde fest entschlossen sei, die Ukraine so lange zu unterstützen, wie es nötig sei. «Denn das ist hier eine Frage, die uns alle in den Demokratien angeht. Die Autokraten dieser Welt beobachten sehr genau, was geschieht - und umso wichtiger ist es, dass wir als Demokratien die tapfere Ukraine unterstützen», sagte sie den ARD-«Tagesthemen». Von der Leyen und EU-Ratschef Charles Michel nehmen als Vertreter der Europäischen Union ebenfalls an allen drei Tagen am G7-Gipfel teil.

Für Gesprächsstoff sorgte am Sonntagabend ein Bild an einer weltbekannten Holzbank: Die neun Gipfelteilnehmer posierten an eben jener Bank, an der beim G7-Gipfel 2015 ein ikonisches Foto entstand. Vor sieben Jahren saß dort der damalige US-Präsident Barack Obama, die Arme ausgebreitet auf der Lehne, während Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel auf ihn einredete.

Dieses Mal stellten sich die Gipfelteilnehmer in einer Reihe hinter der Bank auf, einige legten fast freundschaftlich die Arme über die Schultern des Nebenmannes, die Stimmung wirkte gelöst. Vor dem Fototermin fand eine Arbeitssitzung statt, bei der es um Außen- und Sicherheitspolitik und damit auch um den Krieg in der Ukraine gehen sollte.

Am Montag will Gastgeber Scholz nach dem Gespräch mit Selenskyj den Beratungskreis erneut erweitern: Die Staats- und Regierungschefs der Gastländer Indien, Indonesien, Südafrika, Senegal und Argentinien sollen ab Mittag mit am Tisch sitzen. Die größere Runde will über die Klimakrise und über Gesundheit diskutieren. Scholz strebt einen internationalen Klimaclub mit den G7-Staaten als Kern an. In diesem soll die internationale Klimapolitik stärker abgestimmt werden, um zu verhindern, dass Wettbewerbsnachteile für Länder entstehen, die sich an strengere Vorgaben halten.

Drängendes Thema des erweiterten G7-Kreises dürften aber vor allem die wegen des Ukraine-Kriegs drohenden Hungersnöte sein. Laut dem Welternährungsprogramm stehen 50 Millionen Menschen weltweit kurz vor einer Hungersnot. Als katastrophal schätzt die UN-Organisation die Lage in Äthiopien, Nigeria, dem Südsudan, dem Jemen, Afghanistan und Somalia ein. 750 000 Menschen in besonders betroffenen Ländern droht demnach der Hungertod.

Ausgerechnet die Ukraine und Russland sind die größten Weizen-Exporteure weltweit. Normalerweise decken sie knapp ein Drittel des globalen Bedarfs - weil Russland die ukrainischen Häfen blockiert, kann viel Getreide aber nicht exportiert werden. Zu den Beratungen über die weltweite Nahrungssicherheit soll auch UN-Generalsekretär Antonio Guterres zugeschaltet werden.

Der Gipfel der sieben wichtigen demokratischen Industriestaaten hat am Sonntagmittag begonnen und dauert noch bis Dienstag. Zur Gruppe der Sieben gehören neben Deutschland die USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Italien und Japan.

© dpa

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