Hunderttausende Arbeitskräfte im Südwesten mobilisierbar

Für die Unternehmen im Südwesten ist der Fachkräftemangel ein Dauerthema. Dabei könnten noch Hunderttausende Menschen in den Arbeitsmarkt eingebunden werden. Es gibt aber etliche Hürden.
Eine Frau steht in einem Büro und telefoniert. © Annette Riedl/dpa/Illustration

Mehr Frauen in Vollzeit, bessere Bedingungen für Zuwanderer und eine gestärkte Aus- und Weiterbildung: Im Kampf gegen Fachkräftemangel gibt es aus Sicht der Regionaldirektion der Arbeitsagentur in Baden-Württemberg etliche Hebel. «Wenn wir so weitermachen, dann werden wir 500 000 Erwerbspersonen weniger haben», sagte der Chef der Regionaldirektion, Christian Rauch, am Donnerstag in Stuttgart mit Blick auf die alternde Bevölkerung. «Es ist aber nicht gottgegeben, dass es so abläuft.»

Hunderttausende zusätzliche Arbeitskräfte ließen sich aus Sicht der Arbeitsagentur künftig mobilisieren. Insgesamt ist von einem Potenzial von bis zu 430 000 vollzeitnahen Stellen die Rede. Zur Einordnung: Im Südwesten gab es Ende 2021 etwa 6,3 Millionen Erwerbstätige.

Aus- und Weiterbildung

Ein wichtiger Ansatzpunkt ist aus Sicht der Regionaldirektion die Aus- und Weiterbildung. «Hauptschüler sind in Zeiten, als man genügend junge Menschen gehabt hat, aus dem Blick geraten. Die Frage muss sein: Wie bekommen wir jeden - auch schwache Hauptschüler - durch eine Ausbildung?», sagte Rauch. Auch beim Thema Weiterbildung gebe es noch viel zu tun. Positive Beispiele seien hier die großen Unternehmen in der Autobranche. «Die sind mittlerweile auf dem Weg. Aber wenn man auf den Mittelstand blickt, da fällt es dann schon ab.»

Und wer in anderen Branchen einen Job suche, habe oft schlechte Karten. «Es kann nicht sein, dass jemand mit Lebenserfahrung, der im Handel den Arbeitsplatz verliert und Erzieher werden will, dann erstmal fünf Jahre die Schulbank drücken muss.» Auch in anderen Branchen seien Teilqualifikationen eher nicht erwünscht. «Da geht es immer um Bestandsinteressen.»

Mehr Frauen in Vollzeit

Die Erwerbsbeteiligung von Frauen sei im Vergleich zu früher stark gestiegen, sagte Rauch weiter. «Wo wir aber noch eine Menge PS auf der Straße liegen lassen, ist das Arbeitszeitvolumen.» Im Schnitt arbeiteten Frauen derzeit 19,5 Stunden in der Woche. Es gebe etwa 130 000 Frauen in Teilzeit, die gerne vollzeitnah aufstocken würden - es aber vorrangig wegen Hindernissen wie mangelnder Kinderbetreuung nicht könnten.

Zuwanderung

«Auch wenn man das inländische Potenzial perfekt ausspielen würde, führt kein Weg an Zuwanderung vorbei», sagte Rauch. Andererseits lasse sich nur mit Zuwanderung die Arbeitskraft-Lücke nicht schließen. Das Potenzial für den hiesigen Arbeitsmarkt beziffert die Regionaldirektion auf bis zu 200 000 vollzeitnahe Stellen.

Für Zuwanderer gebe es immer noch etliche bürokratische Hürden, Abschlüsse würden nicht anerkannt und die Frage, wer den Deutschkurs bezahle, sei nicht geklärt. «Ich bin ein Verfechter der dualen Ausbildung - aber das ist auch ein Zuwanderungshemmnis. Und da stellt sich schon die Frage: Können wir uns das noch leisten? Oder müssen wir nicht eine Diskussion führen, wie wir das eine tun können, ohne das andere kaputt zu machen.»

Insgesamt gebe es «viele viele kleine Baustellen, die wir bedienen müssen», sagte Rauch. Etliche Themen werden bereits in regionalen Initiativen bearbeitet. Es brauche nun aber auch ein Bindeglied auf der überörtlichen Ebene. Insbesondere in den Bereichen Alten- und Krankenpflege und auf dem Bau gebe es immer wieder Engpässe an qualifiziertem Personal.

«Fachkräftegewinnung wird immer wichtiger», sagte der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Baden-Württemberg, Kai Burmeister, dazu. Die Vorschläge der Arbeitsagentur seien dafür eine gute Grundlage. «Im Wettbewerb um Beschäftigte werden die Unternehmen die Nase vorne haben, die gute Arbeitsbedingungen mit Tarifbindung und Mitbestimmung bieten.»

© dpa
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