Lehrer fühlen sich durch Pandemie überlastet und am Limit

09.06.2022 Pandemie und Lehrermangel haben tiefe Spuren in Schulen hinterlassen. Baden-Württembergs Lehrer fühlen sich überlastet, Schüler können sich nach einer Umfrage schlechter konzentrieren. Und es könnte noch schlimmer werden - denn viele Lehrkräfte wollen kürzer treten.

Ein Lehrer unterrichtet in einem Klassenzimmer einer Realschule. © Marijan Murat/dpa/Symbolbild

Nach zwei Jahren Pandemie stehen fast alle Lehrerinnen und Lehrer in Baden-Württemberg laut einer Umfrage am Rand der Erschöpfung. Vier von fünf Lehrkräften im Südwesten fühlen sich stark oder sehr stark belastet. Die meisten dehnen ihre Arbeit auf die Wochenenden, viele auch auf die Nachtstunden aus und sehen dennoch vor allem klaffende Lücken im Lern- und Lehrplan. Das zeigen Daten einer repräsentativen Forsa-Befragung im Auftrag der Robert Bosch Stiftung (Stuttgart), die am Donnerstag veröffentlicht wurde. Die Bildungsgewerkschaft GEW sieht in den Ergebnissen der Umfrage ein «Alarmsignal» für die grün-schwarze Landesregierung.

Laut Deutschem Schulbarometer erleben rund 90 Prozent der Befragten ihr Kollegium an der Schule im Südwesten stark oder sehr stark belastet, 79 Prozent sagen dies auch für sich selbst. Bundesweit arbeiten mehr als drei von vier Lehrerinnen und Lehrern (79 Prozent) in der Regel auch an Wochenenden, für die meisten ist Erholung in der Freizeit kaum noch möglich (60 Prozent). Etwa jede zweite Lehrkraft an einer deutschen Schule fühlt sich laut der Umfrage körperlich (62 Prozent) oder mental erschöpft (46 Prozent).

«Lehrkräfte stehen enorm unter Druck», sagte Dagmar Wolf von der Robert Bosch Stiftung. Sie müssten nicht nur die Digitalisierung im Rekordtempo nachholen, Corona-Richtlinien überwachen und Lernrückstände aufarbeiten. Es gelte auch, den Fachkräftemangel abzufedern und eine steigende Zahl von geflüchteten ukrainischen Kindern und Jugendlichen in die Schulen zu integrieren. Für 44 Prozent der bundesweit Befragten besteht ein Großteil des Unterrichts derzeit aus Krisenmanagement, das gilt vor allem für Haupt-, Real-, Gesamt- und Grundschulen.

Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) zeigt sich durch das Schulbarometer wenig überrascht. «Es wird in der Öffentlichkeit gerne vergessen, dass die Schulen sowohl von der Corona-Pandemie als auch von den Folgen des Ukraine-Kriegs voll betroffen sind», sagte sie am Donnerstag. «Sie mussten die Umsetzung der Corona-Maßnahmen leisten und stemmen aktuell mit einem unglaublichen Einsatz die Beschulung der Schülerinnen und Schüler, die aus der Ukraine geflohen sind.» Außerdem belaste der Lehrkräftemangel die Schulen. Deshalb seien die Kapazitäten bei den Studienplätzen in den Lehrämtern Grundschule und Sonderpädagogik erhöht worden. Zudem komme mit Freiburg ein weiterer Standort hinzu, wo das Lehramt Sonderpädagogik studiert werden könne.

Schopper kritisierte allerdings auch, dass die Leistung der Lehrkräfte in der Gesellschaft nicht ausreichend gewürdigt werde. «Ich finde, dass der Beruf der Lehrkraft bei uns ein viel zu geringes Ansehen hat und wir sollten den Lehrerinnen und Lehrern mehr Anerkennung zukommen lassen», sagte sie. «Lehrkräfte haben nicht nachmittags frei und viele Ferien.» In diesen Zeiten korrigierten sie unter anderem Klassenarbeiten, schrieben Stundenentwürfe oder telefonierten mit Eltern.

Da mag es überraschen, dass laut der Umfrage dennoch mehr als drei von vier befragten Lehrkräften in Baden-Württemberg noch immer zufrieden mit ihrem Job sind (78 Prozent). «Lehrerin oder Lehrer wird man aus Überzeugung», sagte Wolf. «Aber chronische Überlastung macht auf Dauer krank und unzufrieden. Schulen benötigen deshalb dringend zusätzliches Personal.»

Nicht nur in den Kollegien zeigen sich die Spuren der Corona-Belastung. Auch bei den Schülerinnen und Schülern beobachten der Umfrage zufolge bundesweit fast alle Lehrkräfte (95 Prozent) seit Beginn der Pandemie zunehmende Verhaltensauffälligkeiten. Viele hätten wachsende Probleme, sich zu konzentrieren oder zu motivieren. Deutlich zugenommen hat laut Befragung auch die Aggressivität bei den Schülern. Allerdings werden laut Umfrage nur an einem Drittel der Haupt-, Real- und Gesamtschulen und an jeder vierten Grundschule Sprechstunden von Schulpsychologen angeboten.

Die Stimmungslage der aktiven Lehrerinnen und Lehrer könnte nicht nur in Baden-Württemberg den bereits deutlichen Lehrkräftemangel verstärken: Bundesweit mehr als jede zehnte Lehrkraft (13 Prozent) gab in der Befragung an, kürzer treten und ihre Unterrichtsstunden im kommenden Schuljahr verringern zu wollen - das gilt vor allem für Teilzeitkräfte. Laut Umfrage plant fast ein Drittel derjenigen, die aktuell 15 bis 20 Stunden unterrichten, das Deputat zu reduzieren (bundesweit 27 Prozent).

«Lehrer sehen vor Ort, was die Lebenswirklichkeit der Pandemie und der steigenden Preise mit den Kindern und Jugendlichen macht, wie schwer viele zu erreichen sind und wie sie leiden», sagte die baden-württembergische GEW-Landeschefin Monika Stein dazu. «Sie können das nicht abfedern und das macht etwas mit den Menschen.»

Die Ergebnisse der Umfrage sollten die baden-württembergische Landesregierung aber nach ihrer Einschätzung alarmieren. «Ich hoffe, dass Ministerpräsident Winfried Kretschmann und seine Regierung die Ergebnisse sehr ernst nehmen», sagte Stein der Deutschen Presse-Agentur. «Das ist ein Alarmzeichen, ganz klar.» Die Lehrkräfte seien «am Anschlag», das Land müsse dringend mehr investieren und vor allem die Zahl der Studienplätze ausbauen, forderte sie und kritisierte: «Die Regierung unterschätzt den Lehrermangel und seine Tragweite.»

© dpa

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