Studie: Mangel an Ärzten und Fachpersonal verschärft sich

30.06.2022 Generell schätzen die Deutschen laut einer Studie ihr Gesundheitssystem. Doch im Detail gibt es viel Kritik und Ängste. Insbesondere der Ärztemangel bereitet Medizinern und Bürgern Sorgen.

Ein Leuchtkasten mit einem roten Kreuz hängt vor der Notaufnahme eines Krankenhauses. © Julian Stratenschulte/dpa/Symbolbild

Ärztemangel, lange Wartezeiten und aus Kostengründen vorenthaltene Leistungen setzen den Menschen in Deutschland immer stärker zu. Dennoch bewerten 81 Prozent von ihnen die Gesundheitsversorgung weiterhin positiv, wie eine Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach für den Gesundheitsreport 2022 des Wieslocher Finanzdienstleisters MLP (Rhein-Neckar-Kreis) ergab. Bei den Ärzten selbst genießt die Gesundheitsversorgung demnach zu 89 Prozent hohe Wertschätzung.

Der Ärztemangel macht Ärzten und Bürgern laut der Umfrage unter mehr als 400 Ärzten und fast 1100 Bürgern besonders zu schaffen. Die zunehmenden Engpässe nimmt jeder dritte Bürger wahr, in Ostdeutschland sogar mehr als jeder zweite. Auch die niedergelassenen Ärzte selbst registrieren zu 52 Prozent einen Ärztemangel, 2019 waren es noch 41 Prozent. Die angespannte Personalsituation erhöht die Belastung der verbleibenden Mediziner. Fast drei Viertel der Ärzte in Städten und Regionen unter 100 000 Einwohner berichteten von Mehrarbeit, wobei Hausärzte stärker betroffen sind als Fachärzte.

Zugleich steigt laut der Studie der Anteil der Krankenhausärzte, die für eine Niederlassung infrage kämen, auf 46 Prozent (2019: 37 Prozent). Doch ein Wechsel von der Klinik in die Praxis würde den Mangel nur verlagern. Denn auch in den Kliniken verschärft sich das Nachwuchsproblem. Aktuell geben 57 Prozent der Klinikärzte an, dass in ihrem eigenen Haus Ärztemangel herrscht, fast ein Viertel befürchtet ihn in den kommenden Jahren.

Ähnlich dramatisch stellt sich die Lage beim Fachpersonal dar. Mehr als jede fünfte Praxis ist der Umfrage zufolge unterbesetzt; ein Viertel hat offene Stellen. Auch in den Krankenhäusern fehlt es an Pflegern und anderem nicht-ärztlichen Personal: 89 Prozent der Klinikärzte finden es schwierig oder sehr schwierig, einen Arbeitsplatz zu besetzen. Dennoch lehnen 84 Prozent der Ärzte den Einstieg von Kapitalinvestoren in das Gesundheitswesen ab; vor allem, weil sie befürchten, dass wirtschaftliche Erwägungen eine zu große Rolle spielen könnten.

Schon jetzt können Mediziner nach eigenen Angaben ihre Patienten nicht mehr nach rein therapeutischen Gesichtspunkten behandeln. «Durch den Kostendruck im Gesundheitswesen sieht die Mehrheit der Ärzte ihre Therapiefreiheit infrage gestellt«, heißt es in dem Report. In der Bevölkerung meinen 38 Prozent (2019: 34 Prozent), aus Kostengründen eine bestimmte Behandlung oder ein bestimmtes Medikament nicht bekommen zu haben. 60 Prozent der Ärzte und fast ebenso viele Bürger sehen das Gesundheitssystem auf dem Weg zur Zwei-Klassen-Medizin.

Der Blick in die Zukunft fällt bei Bevölkerung und Ärzteschaft düster aus. Knapp zwei Drittel der befragten Mediziner gehen von einer Verschlechterung der Gesundheitsversorgung in den nächsten zehn Jahren aus; in der Bevölkerung liegt der Wert bei einem Drittel.

Von der Bundesregierung erhoffen sich die meisten nicht viel: Deren Gesundheitspolitik erteilen ein Drittel der Bevölkerung schlechte Noten. Nur 26 Prozent haben eine guten Eindruck, 41 Prozent geben kein Urteil ab. Die Ärzte zeigten sich zu 28 Prozent zufrieden, zu 39 Prozent nicht. Jeder dritte Arzt und damit deutlich mehr als in den vorangegangenen Untersuchungen wollte die Gesundheitspolitik nicht bewerten.

MLP-Vorstandschef Uwe Schroeder-Wilberg forderte eine ernsthafte Zukunftsvorsorge von der Ampel-Koalition. Er resümierte: «Dazu gehört auch eine ergebnisoffene Diskussion über die Ausgabenseite, also darüber, was das staatliche Gesundheitswesen in Zukunft noch alles leisten soll und wie diese Leistungen effizient organisiert und erbracht werden.»

© dpa

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