Bildungsdefizite: Experte fürchtet Spaltung der Gesellschaft

Mit drastischen Worten weist ein Bildungsexperte und Berater des Kultusministeriums auf mögliche Folgen schlechter Schulausbildung hin. Er steht mit seiner Kritik nicht alleine da.
Stühle stehen in einem Klassenzimmer auf den Tischen. © Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa/Symbolbild

Der Tübinger Bildungsforscher Ulrich Trautwein hat vor einer Spaltung der Gesellschaft wegen abgehängter Schüler und Schülerinnen gewarnt. Wer in der vierten Klasse nicht richtig lesen, schreiben und rechnen könne, werde danach wohl weiter abgehängt und lande langfristig in prekären Arbeitsverhältnissen, sagte der Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats des Kultusministeriums zur Neuordnung der Qualitätsentwicklung des baden-württembergischen Schulsystems der «Schwäbischen Zeitung» (Samstag/Ravensburg). «Das gefährdet wiederum unsere offene, demokratische Gesellschaft: Wer beobachten möchte, wie es zu einer gefährlichen Spaltung der Gesellschaft kommt, kann das - quasi in Zeitlupe - anhand der Schulkarrieren der Kinder in Baden-Württemberg beobachten.»

Mit Blick auf das mäßige Abschneiden baden-württembergischer Kinder bei Bildungstests sagte Trautwein: «Der vielleicht größte Fehler der vergangenen 15 Jahre war es, nicht konsequent auf die veränderte Schülerschaft zu reagieren.»

In zehn Jahren sei der Anteil der Schüler mit Zuwanderungshintergrund von rund 30 auf rund 50 Prozent gestiegen - das sei nach Bremen der höchste Wert aller Bundesländer. Ihre Lernvoraussetzungen seien schlechter. «Und die mittlere Leistung sinkt quasi automatisch, wenn diese Kinder nicht besonders gute Lerngelegenheiten bekommen. Leider hat Baden-Württemberg hier sträflich versagt», sagte er. Anders sehe es etwa in Hamburg aus.

Der Chef der SPD-Fraktion im Landtag, Andreas Stoch, pflichtete Trautwein bei: «Die Folgen mangelnder Bildungschancen sind für unsere Gesellschaft, aber auch unsere Wirtschaft höchst gefährlich.» Trautwein halte der grün-schwarzen Landesregierung den Spiegel vor, die sich in der Bildungspolitik mit dem Status quo zufriedengebe, erklärte der frühere Kultusminister.

Laut einer im Oktober veröffentlichten Studie des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen haben die Schülerinnen und Schüler der vierten Klasse im Südwesten zunehmende Probleme beim Lesen und Zuhören. Fast jedes fünfte Kind schafft demnach die Mindeststandards in Deutsch und Mathematik nicht. Das Land rutschte damit nach dem Absturz bei der Leistungsstudie im Jahr 2016 noch weiter ab. In der Rangliste ist Baden-Württemberg nur im Mittelfeld.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), früher selber Lehrer, hatte die schwachen Resultate auf die Qualität des Unterrichts geschoben und gesagt, es sei nicht alles mit der Zahl der Lehrer zu erklären. Der Landeschef des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Gerhard Brand, monierte, Kretschmann habe offensichtlich keine Ahnung mehr vom Schulalltag. Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) forderte mehr Personal an den Schulen. Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) räumte ein, nicht zuletzt wegen der Grippewelle und Corona-Infektionen gebe es Schwächen.

Den Lehrkräftemangel bezeichnete Professor Trautwein dem Zeitungsbericht zufolge als «Hypothek der Vergangenheit» und als Schande. «Es wird uns auf Jahre hin massiv erschweren, den Kindern und Jugendlichen das zu bieten, worauf sie ein Recht haben: die bestmögliche Unterstützung für ihr Lernen.» Ferner erklärte er: «Manche Probleme kann man mit den Experten lösen, die wir schon haben, bei anderen Dingen müssen wir kurz-, mittel- und langfristig mehr Geld investieren, das ist überhaupt keine Frage.»

Richtige Ansätze wie Förderprogramme für Mathematik und Deutsch gebe es schon. Dass Schulen mit besonderen Herausforderungen mehr Geld als andere bekommen sollen, sei ebenfalls gut. Zudem sollten aus Sicht des Experten Kitas in den Blick genommen werden. «Hier muss der spielerische, aber systematische Erwerb der deutschen Sprache bei allen Kindern gelingen. Leider sind wir davon weit entfernt.»

© dpa
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