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Psychische Krankheit als Wirtschaftsfaktor

Ängste, Überlastung, Depressionen, Neurosen: Psychische Erkrankungen sind im Südwesten auch weiter ein massives Problem. Vor allem natürlich für die Betroffenen. Aber auch für ihre Arbeitgeber.
Depression
Ein Mann sitzt vor einem Fenster. © Sina Schuldt/dpa/Illsutration

Frank Mercier ist so ein typischer Fall. Der Unternehmer rutschte vor zehn Jahren in eine schwere depressive Episode - und wartete zunächst ab. «Ich habe mich irgendwie durchgeschlichen, bis meine Frau mich motiviert hat, mir ärztliche Hilfe zu suchen», erzählt der 56-Jährige. Geschlagene 18 Monate vergingen, bis er einen Arzt aufsuchte. «Ich bin einfach weiter zur Arbeit gegangen, habe Luftlöcher gestarrt und versucht, ein Bild aufrechtzuhalten. Ich habe meiner Firma als Geschäftsführer auch wirtschaftlich geschadet», sagt der Vorstand der Deutschen Depressionsliga heute.

Jede dritte Erwerbsperson in Baden-Württemberg hat nach einer Studie im Jahr 2021 unter einer Depression oder einer anderen psychischen Störung gelitten oder eine solche Erkrankung erst überwunden. Das hat massive Folgen - für die Betroffenen sowieso, aber auch für die Arbeitgeber, warnte die Krankenkasse Barmer in ihrem am Mittwoch veröffentlichen neuen Gesundheitsreport. Denn seelische Beschwerden wie Depressionen oder Ängste setzten auch die baden-württembergische Wirtschaft zunehmend unter Druck.

Nach Berechnungen der Krankenkasse betraf die Diagnose 2021 hochgerechnet mehr als 2 Millionen Männer und Frauen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren. Etwa 337.000 Erwerbspersonen oder 5,8 Prozent hätten deshalb nicht oder nicht mehr arbeiten können.

Für den Report wertete die Barmer-Krankenkasse die Arbeitsunfähigkeitsdaten aus dem Jahr 2021 von bundesweit rund 3,7 Millionen Barmer-Versicherten aus, darunter etwa 336.444 aus Baden-Württemberg. Zusätzlich wurden laut Krankenkasse ambulante und stationäre Diagnosen der Jahre 2014 bis 2021 berücksichtigt. Ausgewertet wurde die Gruppe der Erwerbspersonen. Dazu zählen nicht nur die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, sondern auch freiwillig versicherte Selbstständige mit Anspruch auf Krankengeld und Bezieher von Arbeitslosengeld 1, die ebenfalls einen Anspruch auf Krankengeld haben.

Keineswegs in jedem Fall von psychischer Störung wird ein Betroffener laut Barmer auch krankgeschrieben. Sei das aber der Fall, dann fielen Betroffene lange aus. Laut Gesundheitsreport fehlten derart erkrankte Beschäftigte im Schnitt für 51 Tage im Jahr. «Was aber ignoriert wird, ist die Tatsache, dass die Kosten, die dadurch entstehen, dass Beschäftigte stark belastet oder sogar krank zur Arbeit gehen, in Deutschland fast dreimal höher sind als diejenigen, die durch Fehltage verursacht werden», sagte Frank Mercier bei der Präsentation des Reports. Es entstehe volkswirtschaftlicher Schaden in Milliardenhöhen durch diesen sogenannten Präsentismus.

Experten gehen zudem von einer starken Dunkelziffer der Betroffenen aus, weil - ähnlich wie bei Frank Mercier - die Hemmschwelle sehr hoch ist, bei psychischen Problemen einen Arzt aufzusuchen. Niemand gehe mit einem akuten Herzleiden weiter zur Arbeit, sagte Mercier dazu. «Aber eine psychische Erkrankung diagnostizieren und behandeln zu lassen, der Gedanke kommt Vielen erst einmal nicht.» Im Schnitt dauere es 20 Monate, bis sich depressionskranke Menschen professionelle Hilfe suchen.

Vor allem Ältere seien betroffen, weil eine Depression oft abhängig sei von Umständen wie einer Krankheit oder Todesfällen, sagte der Landesgeschäftsführer der Barmer, Winfried Plötze. «Außerdem wird die berufliche Belastung im Alter stärker wahrgenommen, das kann auch eine Rolle spielen.» Psychische Störungen senkten das Renteneintrittsalter, warnte er. Bei der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg seien im vergangenen Jahr rund 36 Prozent der Anträge auf eine Erwerbsminderungsrente mit einer psychischen Erkrankung begründet worden. Bundesweit liege die Quote bei 42,3 Prozent. «Dadurch verlieren die Unternehmen zusätzlich Arbeitskräfte, die ihnen schon jetzt fehlen.»

Das Risiko werde unter anderem erhöht, wenn der Arbeitsplatz oder Wohnort häufiger gewechselt werde, sagte Plötze. Das gehe aus den Versichertendaten hervor. Die Unternehmen könnten dieses Risiko reduzieren, indem sie ortsunabhängiges Arbeiten ermöglichten und berufsbedingte Umzüge vermieden. Beschäftigte sollten zudem die Vor- und Nachteile abwägen, bevor sie den Job wechselten oder umzögen.

Mercier und Plötze forderten Führungskräfte auf zu vermitteln, dass psychische Störungen behandelbare Krankheiten seien. «Das Management muss auch ein wertschätzendes Betriebsklima schaffen, in dem sich die Betroffenen trauen, sich zu öffnen. Und sie sollten wissen, wo psychisch belastete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die richtige Hilfe bekommen können.»

© dpa
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