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Primus oder letzte Bank? Südwesten ist in Studie Mittelmaß

Eine Studie stellt Baden-Württemberg auch weiterhin keine wirklich guten Noten bei der Bildung aus. Der Südwesten belegt zwar einen besseren Platz als letztes Jahr. Das Land verharrt im Vergleich aber im Mittelfeld. Der Zehn-Jahres-Rückblick fällt dagegen düster aus.
Axel Plünnecke
Axel Plünnecke, Autor der Studie, äußert sich zur Vorstellung vom 20. INSM-Bildungsmonitor. © Bernd von Jutrczenka/dpa

In Sachen Bildung verharrt Baden-Württemberg einer Studie zufolge im Mittelmaß. Nach dem sogenannten INSM-Bildungsmonitor, einer Auswertung im Auftrag der wirtschaftsnahen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, klettert der Südwesten zwar im Vergleich zum Vorjahr leicht um einen Platz auf Rang 5. Doch in den vergangenen zehn Jahren hat der einstige Primus am deutlichsten von allen Bundesländern verloren, bilanzierte die INSM am Mittwoch in ihrem Vergleich der Bildungssysteme der Bundesländer. Dabei werden verschiedene Kriterien «aus einer explizit ökonomischen Perspektive» bewertet, wie es hieß.

Es war die 20. Auflage der Studie. Die INSM kommt anlässlich der Vorstellung zu dem Schluss, dass sich das Bildungsniveau in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren dramatisch verschlechtert habe. Vor allem in den Bereichen Schulqualität, Integration und Bildungsarmut gebe es negative Entwicklungen.

«Die Kitas und Schulen haben noch keine gute Antwort darauf gefunden, dass die Schülerschaft in den vergangenen Jahren deutlich heterogener wurde, ein steigender Anteil zu Hause nicht Deutsch spricht oder nur wenige Bücher im Haushalt besitzt», kritisiert Studienautor Axel Plünnecke vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW). Folge sei, dass die Ergebnisse von Kindern aus Haushalten mit Migrationshintergrund oder von bildungsfernen Haushalten besonders stark gesunken seien. INSM-Geschäftsführer Thorsten Alsleben forderte eine «Vorschulpflicht für alle, die nicht oder schlecht Deutsch sprechen». Diese Debatte wurde in den vergangenen Jahren bereits öfter geführt.

Die Vergleichsstudie bewertet anhand von insgesamt 98 Indikatoren in 13 Handlungsfeldern, inwieweit ein Bundesland Bildungsarmut reduziert, zur Fachkräftesicherung beiträgt und Wachstum fördert. Im aktuellen Ländervergleich 2023 schneiden erneut Sachsen, Bayern und Thüringen am besten ab. Schlusslichter sind Brandenburg, Berlin und Bremen.

Laut Studie weist Baden-Württemberg - gemessen an den Patentanmeldungen - Stärken bei der Digitalisierung auf. Die sogenannten Betreuungsrelationen seien an Hochschulen und auch in Kitas sehr gut. Im vergangenen Jahr kamen in Baden-Württemberg 4,6 Kindergartenkinder auf eine Betreuerin oder einen Betreuer, das ist der beste Wert aller Bundesländer. Das Verhältnis an den Hochschulen liege bei 1 zu 9,4, auch das ist ein Spitzenplatz.

Außerdem seien die Klassengrößen an den Grundschulen mit durchschnittlich 19,7 Schülerinnen und Schüler relativ klein. Weitere Stärken des Landes seien die hohe Zahl an Hochschulabsolventen in den sogenannten MINT-Fächern - also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik - und Erfolge bei der beruflichen Bildung.

Dagegen ist der Anteil der internationalen Studierenden gering. Außerdem besuchen nur wenige Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren eine Kita-Ganztageseinrichtung. Der Anteil sei im Jahr 2022 in Baden-Württemberg mit 24,1 Prozent der niedrigste Wert in ganz Deutschland gewesen - bei einem Bundesdurchschnitt von 47 Prozent.

Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) sieht sich trotz des Zehn-Jahres-Vergleichs bestätigt: «Der diesjährige Bildungsmonitor bestärkt uns in unserem eingeschlagenen Weg», sagt sie. Das Land müsse aber «weiter Spur halten». Ihr Ministerium verweist auf die bildungsökonomische Sichtweise des Monitors. «Bezugspunkte sind nur zum kleineren Anteil die allgemein gültigen und vereinbarten Bildungsstandards», hieß es. Baden-Württemberg habe aber in allen untersuchten Punkten «seine Hausaufgaben» gemacht.

Die Sichtweise sorgt für Kopfschütteln bei den Gewerkschaften. Er sei entsetzt, sagt Ralf Scholl, der Landesvorsitzende des Philologenverbands. «Beim Kultusministerium scheint es kein Problembewusstsein zu geben.» Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht das Land nicht auf einem guten Weg. Für die Schulen könne es eher eine lange Durststrecke werden, sagt die GEW-Landesvorsitzende Monika Stein. Es müssten dringend Lehrkräfte gewonnen werden. Nötig seien auch mehr Studienplätze für angehende Pädagoginnen und Pädagogen.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) verweist auf die Ausgaben eines Bundeslandes pro Schülerin und Schüler. Dort lande Baden-Württemberg im Bereich der Grundschule abgeschlagen auf Platz 14, bei den weiterführenden Schulen nur auf Platz 10. «Das sind wahrlich keine Ergebnisse, mit denen man sich brüsten kann», meint der VBE-Landesvorsitzende Gerhard Brand.

Das sehen die Oppositionsparteien ähnlich: Die FDP spricht angesichts des Abrutschens im Vergleich zu 2013 von einer «bildungspolitischen Katastrophe» und einer «hausgemachten Bildungskrise». Die Bundesländer mit einer verbindlichen Grundschulempfehlung führten erneut die Spitze im Bestandsranking an. Die SPD wirft der Regierung vor, sie habe das Bildungssystem «auf Verschleiß gefahren». Aus Sicht der AfD muss vor allem die frühkindliche Bildung überarbeitet werden. «Ohne Deutschkenntnisse kann keine Schule erfolgreich besucht werden», kritisierte die Partei.

Der vom Institut der deutschen Wirtschaft erstellte Bildungsmonitor wird seit 2004 jährlich erhoben. Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft beschreibt sich selbst als überparteiliches Bündnis aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Sie wird von den Arbeitgeberverbänden der Metall-und Elektro-Industrie finanziert.

Der Bildungsmonitor untersucht unter anderem, inwieweit das jeweilige Bildungssystem zur Fachkräftesicherung beiträgt oder Aufstiegsmöglichkeiten für den Einzelnen schafft. Dabei wird beispielsweise das Verhältnis der Bildungsausgaben pro Schüler zu den Gesamtausgaben öffentlicher Haushalte pro Einwohner untersucht, verglichen werden zudem die Investitionen in Schulen und Hochschulen, die Betreuungsschlüssel und Klassengrößen. Zudem fließen Ergebnisse aus Bildungsstudien ein, etwa zur Lesekompetenz von Grundschülern.

© dpa
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