30 Millionen für 3 Jahre? Debatte über Ablösung von Diess

Die Demission des VW-Chefs mag nach etlichen Streitereien nicht allzu überraschend erscheinen. Dass der Aufsichtsrat sie ausgerechnet im Sommer 2022 beschließt, schon. Vor dem Konzern liegen entscheidende Monate. Und manch einer fragt, warum nicht früher eingegriffen wurde.
Herbert Diess spricht. © Sven Hoppe/dpa/Archivbild

Die im September geplante Ablösung von VW-Konzernchef Herbert Diess durch Porsche-Chef Oliver Blume ruft bei manchen Investoren und Branchenexperten Stirnrunzeln hervor. Dabei geht es etwa um die Frage, warum der künftig mit einer Beraterfunktion ausgestattete Diess gerade vor einem Jahr noch einmal vorzeitig einen neuen Vertrag erhielt. Im Juli 2021 stimmte der Aufsichtsrat der bis zum Oktober 2025 laufenden Weiterverpflichtung zu - obwohl es schon damals und zuvor von mehreren Seiten erhebliche Kritik an Diess' Führungs- und Kommunikationsstil gegeben hatte.

«Die Vertragsverlängerung aus dem letzten Jahr ist nicht nachvollziehbar», sagte der Leiter des Bereichs Unternehmensführung und Nachhaltigkeit bei der Sparkassen-Fondstochter Deka, Ingo Speich, der Deutschen Presse-Agentur. Die Demission von Diess sei «ein Abgang mit Ansage», die Kontrolleure hätten weit früher Konsequenzen ziehen können. Diess selbst soll Druck für die Verlängerung gemacht haben. «Die Rechnung trägt jetzt wieder einmal der Aktionär», meinte Speich. «Auch der neue Beratervertrag wirft mehr Fragen als Antworten auf.»

Allein für das Jahr 2021 erhielt Diess inklusive Rentenansprüchen mehr als 10 Millionen Euro. Die VW-Vorstandsgehälter lassen sich im Zeitverlauf nur schwer vergleichen und genau vorhersehen, weil sie von variablen Boni abhängen. Einige Beobachter schätzen, der bisherige Konzernchef - obschon bald nicht mehr in dieser Position - könnte bis Herbst 2025 bis zu weitere 30 Millionen Euro verdienen.

«Der goldene Handschlag ist Zeichen schlechter Unternehmensführung und hat bei VW leider Tradition», kritisierte Janne Werning von Union Investment. Bereits mit Bernd Pischetsrieder in den 2000er Jahren oder mit der 2016/2017 nur gut ein Jahr gebliebenen Rechtsvorständin Christine Hohmann-Dennhardt seien hoch dotierte Fortzahlungen oder Abfindungen vereinbart worden. Ein anderer Analyst sagte, diese Praxis sei aus seiner Sicht eine «Sauerei», zumal im Fall von Diess gleichzeitig Gerüchte zur Kürzung Zehntausender Jobs kursiert hätten.

Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger sprach von einem «Aufsichtsrat ohne Kompass, der in einem Jahr Hü, im anderen dann Hott» sage. Das komme einer «strategischen Minderleistung» gleich.

Mitglieder des Gremiums wollten sich mit Verweis auf die Vertraulichkeit der Sitzungen nicht zur damaligen Entscheidung äußern, auch nicht im Lichte der Entwicklungen davor. 2020 hatte Diess Teilen des Aufsichtsrats gar strafbares Verhalten und «fehlende Integrität» durch Indiskretionen vorgeworfen. Zunächst war er bis zum Frühjahr 2023 als Vorstandschef der größten europäischen Autogruppe bestellt. Es gab jedoch mehrfach Konflikte mit dem Betriebsrat, der IG Metall und dem Land Niedersachsen, die neben den Vertretern der Eigentümerfamilien Porsche/Piëch die wichtigsten Aufseher stellen.

Hinzu kamen zuletzt teure Verzögerungen bei eigener Software, die Modellanläufe gefährdet haben sollen. Im vergangenen Jahr habe noch niemand der entscheidenden Akteure den Bruch mit Diess gewagt, hieß es im Umfeld der Kontrolleure - im Nachhinein sei man oft klüger. Jetzt habe man aber gemerkt, dass es einfach nicht mehr weitergehe.

© dpa
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