Deutlich mehr Vermisstenfälle im Südwesten

Menschen verschwinden tagtäglich - ohne Erklärung, ohne Brief, ohne ein Zeichen. Die Zahl der Vermisstenfälle im Land hat zuletzt deutlich zugenommen.
Blaulichter leuchten auf dem Dach eines Streifenwagens der Polizei. © Carsten Rehder/dpa/Symbolbild

Maya E. wird seit Montag vermisst. Die 14-Jährige aus Eberbach im Rhein-Neckar-Kreis verließ morgens die Wohnung der Eltern und kehrte nicht zurück. Die Polizei suchte bereits die Orte ab, an denen sich Maya E. normalerweise aufhält, unter anderem in Mannheim - doch von der Jugendlichen fehlt jede Spur. Nun veröffentlichte die Polizei am Donnerstag ein Porträtbild und ruft Zeugen zur Hilfe auf. Die Vermisste ist den Angaben zufolge bekleidet mit einer blauen Joggingjacke, einer Jeans und weißen Sneaker-Schuhen mit goldenen Streifen.

Solche Fälle ereignen sich zigfach jeden Tag in Baden-Württemberg. Die Zahl der Vermisstenfälle im Land ist zuletzt deutlich gestiegen. In den ersten vier Monaten des Jahres wurden 2979 Fälle erfasst, im Vorjahreszeitraum waren es noch 2312, wie die Deutsche Presse-Agentur aus dem Innenministerium erfuhr. Ein Anstieg um knapp 29 Prozent.

In den vergangenen fünf Jahren erfasste das Bundeskriminalamt im Schnitt 9406 Vermisstenfälle pro Jahr im Südwesten. Darunter fallen allerdings auch bereits geklärte Fälle. Die Erledigungsquote ist sehr hoch, 2021 lag sie bei mehr als 97 Prozent. Viel klärt sich in den ersten Tagen auf. Vermisste können auch mehrfach in der Statistik auftauchen, wenn sie mehrfach in dem betrachteten Zeitraum verschwinden. Warum die Zahl zuletzt angestiegen ist, kann man sich weder im Innenministerium noch im Landeskriminalamt wirklich erklären.

«Wir haben auch den Eindruck gewonnen, dass die Zahlen seit einem Jahr zunehmen», sagt auch Marion Waade von der Hilfsorganisation Anuas, die sich um Angehörige von Mordopfern, Suizidfällen und Vermissten kümmert, mit Blick auf die bundesweite Entwicklung. So richtig erklären kann man sich den Anstieg beim Verband auch nicht. Bei Anuas konzentrieren sie sich in erster Linie auf Mordfälle oder zweifelhafte Suizide.

Zum Stichtag 11. April waren in Baden-Württemberg 1143 Menschen als vermisst ausgeschrieben, davon 744 bereits länger als ein Jahr, wie das Innenministerium in einer Antwort auf eine Anfrage der Grünen-Fraktion mitteilte, die der dpa vorliegt. Die meisten Personen wurden zu dem Zeitpunkt in Freiburg (214), Mannheim (129) und Karlsruhe (114) als vermisst gemeldet. 540 der Vermissten waren noch nicht volljährig. Die Daten verändern sich aber ständig, werden mehrmals täglich aktualisiert.

Ein Vermisstenfall liegt laut Polizeivorschrift vor, wenn ein Mensch sein gewohntes Umfeld verlassen hat, sein Aufenthaltsort unbekannt ist und eine Gefahr für Leib oder Leben angenommen werden kann - zum Beispiel als Opfer einer Straftat, bei einem Unglücksfall, bei Hilflosigkeit oder Suizidabsicht. Diese drei Bedingungen müssen zusammenkommen, da jeder seinen Aufenthaltsort selbst bestimmen kann. Es gibt aber eine Ausnahme: Minderjährige gelten per se als vermisst, wenn diese den gewohnten Lebensbereich verlassen haben und ihr Aufenthaltsort unbekannt ist. «Bei ihnen muss grundsätzlich eine Gefahr für Leib oder Leben angenommen werden, solange Erkenntnisse oder Ermittlungen nichts Anderes ergeben», betont das Innenministerium.

Im sogenannten Cold Case Management des Landeskriminalamts sind aktuell laut Antwort auf die Grünen-Anfrage zudem 92 Vermisstenfälle erfasst, bei denen der Verdacht besteht, dass die Person Opfer eines Tötungsdeliktes geworden ist. Diese werden laut Ministerium ständig in Zusammenarbeit mit den zuständigen regionalen Polizeipräsidien auf Ermittlungsansätze überprüft. Kriminalisten bezeichnen mit «Cold Case» einen ungeklärten Fall.

«Wenn eine Person vermisst wird, dann kann das ganz banale Gründe haben - aber es können auch schwere Kriminalfälle dahinterstecken», sagte der Grünen-Politiker Oliver Hildenbrand. Eine hohe Aufklärungsquote sei erfreulich. «Wir müssen aber immer wieder auch diejenigen Vermisstenfälle in den Blick nehmen, bei denen der Verbleib von vermissten Personen jahrelang ungeklärt bleibt.»

© dpa
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