Kretschmann und die Sorge um das, was kreucht und fleucht

Es raschelt, summt und zirpt immer weniger in heimischen Wiesen und Wäldern. Das Land fördert den Erhalt der Bio-Vielfalt mit Millionen. Aber der Artenschwund lässt sich auch dadurch nicht aufhalten.
Die Sonne scheint in einem Wald zwischen Bäumen hindurch. © Matthias Bein/dpa-Zentralbild/ZB/Symbolbild

Es ist so eine Sache mit den Bienchen und den Blümchen. Es gibt immer weniger davon, und das ist eine ganz schlechte Nachricht. Ministerpräsident Winfried Kretschmann allerdings hat gerade einen ganzen Sack voller frisch gefangener Insekten vor der Nase. Der Grünen-Politiker steht am Rande eines Feldes voller bunter, hüfthoch wachsender Pflanzen und Blumen. Interessiert durchstöbert Kretschmann, selbst Biologe, den Fang des Tages.

René Greiner, zuständig für Wildtiermanagement beim Landesjagdverband, war wenige Augenblicke zuvor nur ein paar Meter durch das Feld gelaufen und hatte die Insekten mit seinem Netz aus der Wiese gefischt. Eine sogenannte mehrjährige Brachfläche, wo Blütensamen ausgesät werden und die Natur sich frei entfalten kann. Dafür, dass der Landwirt hier nichts anbaut, erhält er Entschädigung vom Land, rund 700 Euro pro Hektar. Hier fühlen sich Rebhuhn und Feldhase wohl - beide Tiere hat Greiner auf die Arme tätowiert. Bauern, Jäger, Naturschützer bilden da eine «Allianz für Niederwild». Hier ist die Welt noch in Ordnung, könnte man meinen.

Dabei raschelt, flattert und blüht es immer weniger, auch im Ländle. Die grün geführte Landesregierung will dem Artensterben entgegenwirken, setzte 2018 ein Sonderprogramm zur Stärkung der biologischen Vielfalt auf, fördert seitdem viele Projekte im ganzen Land. Mehr als 17 Millionen Euro will das Land jährlich ausgeben bis 2025. Kretschmann spricht von 100 konkreten Maßnahmen im Rahmen des Sonderprogramms.

Am Freitag macht sich der Regierungschef ein Bild von vier davon, im badischen Landesteil. Gemeinsam mit Ministern und Vertretern aus Umwelt-, Agrar- und Verkehrsministerium fährt er im Bus durch die Pampa. «Es hat was vom Klassenausflug», sagt er. «Aber es ist schon ein wahrlich ernstes Thema, warum wir heute so geballt hier sind.» Bei dem Ausflug geht es neben den blühenden Brachflächen etwa um spezielle Mähköpfe, die das Leben von Insekten verschonen. Und um Lichtverschmutzung, die nachts Fledermäuse in Bedrängnis bringt, weil diese nur im Dunklen nach Futter jagen. Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) regt sich über Kommunen auf, die nachts Radwege über Land beleuchten wollten.

Neben der Erderhitzung sei der dramatische Artenrückgang die zweite große Krise der Natur, sagt der Regierungschef. Er spricht vom größten Artensterben seit der Kreidezeit. «Das ist immerhin 60 Millionen Jahre her.» 130 Arten würden täglich aussterben. Auch in Baden-Württemberg seien 40 Prozent aller wildlebenden Tier- und Pflanzenarten mittlerweile gefährdet. Bei den Insekten spricht Kretschmann von einem Rückgang der «Biomasse» in den vergangenen 30 Jahren von bis zu 80 Prozent. Dabei stünden Insekten an der Basis der Nahrungspyramide und hätten damit eine Schlüsselfunktion inne. Sterben die Insekten aus, haben die Vögel nichts mehr zu essen, und so weiter. «Das ist etwas Dramatisches im Gange», sagt Kretschmann düster. Man müsse retten, was zu retten ist.

Man könne den Artenschwund nicht aufhalten, aber eine Blaupause sein für andere, sagt der Regierungschef. Der Erhalt der biologischen Vielfalt sei eine Pflicht, keine Kür. Dabei gab es schon bessere Zeiten für den Natur- und Artenschutz. Denn derzeit stehen Ukraine-Krieg und Corona-Krise ganz oben auf der politischen Agenda und verdängen alle anderen Themen. Kretschmann findet das nachvollziehbar. «Ist ja logisch», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. «Wenn Ihnen eine Granate ins Haus fällt, was interessieren Sie da Insekten.» Wenn es um Leib und Leben gehe, gehe es um Leib und Leben.

Nur: Wenn es den Insekten an den Kragen geht, wird es irgendwann auch für den Menschen eng.

© dpa
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