Tod nach Polizeieinsatz: Obduktion soll Klarheit bringen

Der Tod eines Mannes nach einem Polizeieinsatz in Mannheim lässt die Wogen hoch schlagen. Das Landeskriminalamt verspricht Aufklärung. Der Oberbürgermeister mahnt zur Besonnenheit.
Die Spurensicherung arbeitet am Tatort, an dem ein Mann nach einer Polizeikontrolle gestorben ist. © René Priebe/PR-Video /dpa

Menschen halten inne. Blumensträuße liegen auf dem Gehweg. Nach dem Tod eines Mannes bei einer Polizeikontrolle in der Innenstadt von Mannheim sieht sich die Polizei heftiger Kritik ausgesetzt. Ein Sprecher des Landeskriminalamts Baden-Württemberg (LKA) sagte am Dienstag, der ganze Ablauf des Geschehens solle rekonstruiert werden. Die Leiche des Mannes soll am Mittwoch obduziert werden. Mit ersten Ergebnissen werde am Ende der Woche gerechnet. Es sei ein «besonderer Fall». Der Mann war am Montag während einer Kontrolle zusammengebrochen und dann später gestorben.

Gegen die beiden beteiligten Polizisten wurde ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Körperverletzung im Amt mit Todesfolge eingeleitet, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte. Im Internet kursieren Videos, auf denen Schläge eines Polizisten gegen den Kopf eines auf dem Boden liegenden Mannes zu sehen sind. Ob dieses Video echt ist oder überhaupt die fragliche Polizeikontrolle zeigt, ist nicht geklärt.

Nach Vorwürfen rassistisch motivierter Gewalt hatte das LKA am Montagabend betont, dass der Mann kein türkischer Staatsbürger sei. Solche Spekulationen hatte es zuvor gegeben. Laut Staatsanwaltschaft handelt es sich um einen Deutschen. Man habe Kenntnis von einem Video, sagte der LKA-Sprecher. Aus ihm dürften nicht voreilig Schlüsse gezogen werden. Es werde allen Vorwürfen nachgegangen.

Der Mann war in Behandlung im Zentralinstitut für seelische Gesundheit Mannheim (ZI) und verließ gegen Anraten des Arztes das ZI in Richtung Marktplatz, wie die Staatsanwaltschaft weiter mitteilte.

Vor allem im Internet wird der Einsatz heftig kritisiert. Die Bundestagsabgeordnete der Linken, Gökay Akbulut, aus Mannheim forderte eine lückenlose Aufklärung. Es sei wichtig, mit weiteren Protestveranstaltungen den Druck aufrechtzuerhalten. Am Dienstagabend demonstrierten in Mannheim und Heidelberg nach Angaben der Polizei insgesamt mehr als 300 Menschen gegen Polizeigewalt. Am Ort des Vorfalls in Mannheim schrieben Demonstranten «Mord durch Polizei» mit Kreide auf einen Gehweg und legten Blumen nieder.

Der Vorsitzende des Bundeszuwanderungs- und Integrationsrats (BZI), Memet Kilic, sagte, die Polizei habe als ausführendes Organ der Exekutive in ihrem Handeln weitreichende Eingriffsmöglichkeiten in die Grundrechte der Bürger. Deshalb müsse sie einer wachsamen demokratischen Kontrolle unterliegen. «Das im Netz verbreitete Video über dem polizeilichen Einsatz, bei dem ein Mann mit Migrationshintergrund ums Leben kam, sorgt zu Recht für Fragezeichen. Umso wichtiger ist es nun, dass die Polizei Mannheim, das Landeskriminalamt Baden-Württemberg und die Staatsanwaltschaft eine transparente und rassismuskritische Aufklärung dieses Todes vorantreiben.»

Der Oberbürgermeister von Mannheim, Peter Kurz (SPD), sagte, alle seien sehr betroffen vom Tod eines Menschen während, nach oder infolge eines Polizeieinsatzes. «Sie alle wissen, wie wichtig uns ein friedliches, ein respektvolles Zusammenleben in unserer Stadt ist.» Deswegen werfe dieser Polizeieinsatz Fragen auf. Diese Fragen müssten beantwortet werden, dafür seien Institutionen berufen wie die Staatsanwaltschaft, wie das Landeskriminalamt. «Ich denke, eine Bewertung des Polizeieinsatzes vor den Ergebnissen dieser Untersuchungen verbietet sich und ich appelliere an alle, dies genauso auch zu halten.»

Ein 47-Jähriger war am Montag während einer Kontrolle durch zwei Polizisten zusammengebrochen und starb später im Krankenhaus. Er hatte sich gegen die Kontrolle gewehrt und war von den Beamten überwältigt worden. Was zu seinem Tod führte, ist bisher unklar. Zuvor hatte ein Arzt des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit die Polizei informiert, weil ein Patient möglicherweise Hilfe brauche. Zwei Beamte und der Arzt machten sich auf die Suche nach dem Mann.

Die Gewerkschaft der Polizei (GDP) verurteilte Hass- und Hetzbotschaften in den sozialen Medien im Zusammenhang mit dem Vorfall scharf. GdP-Landeschef Gundram Lottmann sagte, solche Reaktionen seien nicht nur völlig unangemessen, sondern auch menschenverachtend. «Wir alle sind betroffen von dem traurigen Vorfall, vor allem die eingesetzten Beamten selbst. Derzeit ist weder die Todesursache bekannt, noch liegen konkrete Ermittlungsergebnisse vor.»

Innenminister Thomas Strobl (CDU) warnte vor einer pauschalen Kritik an der Polizei: «Bis konkrete Ermittlungsergebnisse vorliegen, dürfen die Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten nicht vorverurteilt oder gar das Ziel von Hass und Hetze werden - weder auf der Straße noch im Netz.»

© dpa
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