ÖRK wehrt sich gegen Antisemitismus-Vorwurf

23.05.2022 «Die umfassendste Zusammenkunft von Christinnen und Christen weltweit» wirft ihre Schatten voraus: Vor der ersten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Deutschland ist eine Debatte um Antisemitismus und die Haltung zum israelischen Staat entbrannt.

Informationsmaterial zur Vollversammlung des ökumenischen Rates der Kirchen wird gezeigt. © Uli Deck/dpa/Archivbild

Wenige Monate vor der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Karlsruhe, wehrt sich das Gremium gegen Antisemitismus-Vorwürfe. Seit der Gründung 1948 habe der ÖRK immer wieder den Staat Israel unterstützt, ein Ende der Gewalt, die Ablehnung aller Formen des Antisemitismus, ein Ende der illegalen Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten und eine verhandelte Zweistaatenlösung für den dortigen Konflikt gefordert, erklärte der Generalsekretär Ioan Sauca am Montag.

Der Pfarrer reagierte damit auf Medienberichte, nach denen eine Initiative «Gegen jeden Antisemitismus. Gegen Judenfeindschaft im Ökumenischen Rat der Kirche» entsprechende Vorwürfe erhoben hat. In einer im Internet veröffentlichten Erklärung heißt es unter anderem, die Sorge «angesichts judenfeindlicher Tendenzen im ÖRK» sei groß.

Bernd Morlok vom Deutsch-Israelischen Freundeskreis im Stadt- und Landkreis Karlsruhe sagte jüngst den «Badischen Neuesten Nachrichten», im ÖRK werde «einseitig Stimmung gegen Israel gemacht». So habe sich der Rat regelmäßig wirtschaftlichen Boykottaufrufen gegen Israel angeschlossen. Über das Freiwilligen-Programm EAPPI würden Menschen als Touristen nach Israel gebracht, um Material gegen die Politik Israels in den Palästinensergebieten zu sammeln und ein negatives Bild über Israel zu verbreiten. Mehrere Gruppierungen sowie der Grünen-Politiker Volker Beck hätten sich der Initiative angeschlossen, berichtete die Zeitung weiter.

ÖRK-Generalsekretär Sauca entgegnete, die Arbeit des EAPPI solle verbessert werden. So sollten Teilnehmende mehr Kontakt zu jüdischen israelischen Gemeinden und deren Erfahrungen und Perspektiven bekommen. Die «Politik und Praxis der Normalisierung der Besatzung und der anhaltenden militärischen Kontrolle der palästinensischen Gebiete seit 1967» lehne der ÖRK nach wie vor entschieden ab.

«So wie wir das Existenzrecht des Staates Israel und das Recht des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung bekräftigen, so bekräftigen wir auch das gleiche Recht des palästinensischen Volkes auf die Verwirklichung seines Rechts auf Selbstbestimmung in einem lebensfähigen Staat in den seit 1967 besetzten Gebieten und mit Jerusalem als einer gemeinsamen Stadt für zwei Völker und drei Religionen», erklärte Sauca.

«Ebenso wie wir Antisemitismus als Sünde gegen Gott und die Menschheit kategorisch verurteilen, lehnen wir Diskriminierung, Ausgrenzung, kollektive Bestrafung und Gewalt gegen das palästinensische Volk auf der Grundlage von Ethnizität, Rasse oder Religion ebenfalls als Sünde gegen Gott und die Menschheit ab.»

Der ÖRK versteht sich als Gemeinschaft von rund 350 christlichen Kirchen, die weltweit mehr als 580 Millionen Menschen vertreten. Darunter sind orthodoxe, anglikanische, baptistische, lutherische, methodistische und reformierte sowie unabhängige Kirchen.

Die Vollversammlung ist das höchste Entscheidungsgremium. Sie tritt in der Regel alle acht Jahre zusammen und ist den Angaben zufolge «die umfassendste Zusammenkunft von Christinnen und Christen weltweit». Vom 31. August bis 8. September findet sie zum ersten Mal in Deutschland statt. Es ist die elfte Vollversammlung überhaupt. Das Motto lautet: «Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt.»

Themen wie das Wiederaufleben von Antisemitismus und anderem Hass gegen bestimmte Menschengruppen und die Ungerechtigkeiten und Verletzungen, die das palästinensische Volk erfahre, werden Sauca zufolge in den Diskussionen der 11. Vollversammlung «zweifellos sehr präsent sein». «Ebenso wie viele andere Krisen und noch nie dagewesene Herausforderungen, denen sich die Kirchen und Völker der Welt in dieser Zeit unserer Geschichte gegenübersehen.»

© dpa

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